• 30.08.2004, 17:29:24
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"Presse"-Kommentar: Ein Ministerposten - der unattraktivste Job im Land (von Martina Salomon)

Ausgabe vom 31. August 2004

Wien (OTS) - Kleines Beruferaten: Wer liegt in der
Beliebtheitsskala ganz unten, obwohl er auf ein höheres Arbeitspensum
kommt als ein Top-Manager bei gleichzeitig deutlich niedrigeren
Bezügen?
Erraten: die Spitzenpolitiker. Am Stammtisch werden sie nicht
ungern als "Koffer" verunglimpft, die zu viel verdienen, ein zu
protziges Auto fahren und ohnehin stets das Falsche tun. Politik ist
ein unattraktives Gewerbe geworden. Das sieht man auch daran, dass
sich Regierungsparteien immer schwerer tun, geeigneten
Minister-Nachwuchs zu finden - nicht nur die Freiheitlichen, wo
allein der Personalverschleiß genügend Abschreckungspotenzial für
Ministeraspiranten bietet.
Kanzler Wolfgang Schüssel muss die Nachfolge für seine
Außenministerin regeln. Eine Frau soll es sein, um die Quote zu
halten, kanzlertreu soll sie sein, und eine größere
Regierungsumbildung soll sich daraus tunlichst auch nicht ergeben.
Dass Schüssels ehemalige Kabinettschefin und rechte Hand Ursula
Plassnik offenbar lieber Botschafterin in Bern bleibt, als ein
derartig ehrenvolles Amt anzunehmen, gibt zu denken. Vielleicht
zögert sie deshalb, weil sie aus nächster Nähe beobachten konnte, wie
Politik funktioniert. Und das scheint abschreckend zu sein.
Lebensqualität bietet ein Diplomatenjob jedenfalls ungleich mehr.
Abgesehen davon, dass Frauen in der Politik noch kritischer
betrachtet werden. Man erinnere sich an merkwürdige Debatten über das
Outfit der Präsidentschaftskandidatin oder - in Deutschland - über
die Frisur von Angela Merkel.
Minister bewegen sich in dünner Luft. Wer zu undiplomatischen
Aussagen neigt, sollte die Finger davon lassen. Und damit sind nicht
nur echte Ausrutscher (Stichwort: "richtige Sau"), sondern auch
leichtfertig Dahingeplaudertes gemeint, wie der
Kinder-und-Party-Spruch der Bildungsministerin, der sie - noch dazu
in scharfer Verkürzung - seit einem Jahr verfolgt und ihr Image
(sowie das der ÖVP) nachhaltig ramponiert hat.
Das "Speed kills" von Andreas Khol wiederum wurde in bewusster
Verdrehung seiner ursprünglichen Bedeutung zum Schlagwort gegen
Schwarz-Blau. Den jüngsten Selbstfaller lieferte Franz Morak, der in
kleinem Kreis zum Thema Personalabbau bei den Festspielen sinngemäß
meinte, da müsse man wohl 70 Mitarbeiter vom Untersberg stoßen. Das
geschah übrigens schon am 5. August. Via stiller Post, Betriebsrat
und Salzburger Arbeiterkammer gelangte das Ende letzter Woche in die
Medien. Die SPÖ zeigte sich darüber übrigens besonders aufgeregt.
Politiker brauchen ein extrem dickes Fell, müssen Menschen mögen,
telegen sein, die nächsten Wahlen im Auge behalten und trotzdem auf
nachhaltigen Reformen bestehen, die vom politischen Gegner gern
verrissen werden. In letzter Zeit ist auch noch ein
Bescheidenheitswahn ausgebrochen, der manchmal ans Lächerliche
grenzt: So hat Landeshauptfrau Gabriele Burgstaller heuer das
Galadiner zur Salzburger Festspieleröffnung in einen Steh-Empfang mit
Sekt und Brötchen umgewandelt. Müssen sich Politiker demnächst in
Sack und Asche hüllen, um anerkannt zu sein?
In krassem Widerspruch dazu pflegen die Österreicher aber auch ein
gewisses Ersatzkaisertum. Davon profitieren Landeshauptleute und der
Bundespräsident. Kein Wunder: Sie müssen keine unpopulären Reformen
anpacken und werden von Medien weniger hart gebeutelt. Zwar stehen
auch sie im grellen Rampenlicht, müssen sich aber dennoch jeweils
ziemlich ungeschickt anstellen (siehe Franz Schausberger), um nicht
wiedergewählt zu werden.
Relativ unbeschädigt von der Politiker-Hetze sind die Grünen: weil
sie noch immer unetabliert und damit in gewissem Sinn "unpolitisch"
wirken. Wenn also Grünen-Chef Alexander Van der Bellen in eine
monatelange Sommerpause verschwindet, finden das alle in Ordnung.
"Echten" Politikern würde man das nie verzeihen.

OTS0143    2004-08-30/17:29

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