"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Geld, Gier und Kunst" (Von Irene Heisz)

Ausgabe vom 24. August 2004

Innsbruck (OTS) -

Jeder kennt das Szenario: Unwiderstehlich charmante Gentleman-Gauner, die aussehen wie Sean Connery in seinen

mittleren Jahren, tun sich mit atemberaubenden Schönheiten zusammen, überwinden mit schier unglaublicher Eleganz Hightech-Sicherheitsvorkehrungen und bringen ein weltberühmtes, unbezahlbares Kunstwerk an sich. Bisweilen handeln die stets sympathischen Gauner sogar aus edlen Motiven. Im Film.
Im wirklichen Leben folgen Kunsträuber selten einem Hollywood-Drehbuch. Schier unglaublich ist bestenfalls die Stümperhaftigkeit von Sicherheitsmaßnahmen (Stichwort: Saliera). Und es hat nichts, aber auch gar nichts Charmantes, wenn - erstmals am helllichten Tag! - Bewaffnete ein Museum stürmen und Besucher und Personal bedrohen.
So berühmt und von zentraler Bedeutung für die Kunstgeschichte wie "Der Schrei" ist künstlerisches Diebsgut natürlich selten. Aber mit einem Volumen von jährlich fünf Milliarden Dollar gehört Kunstraub neben Drogen- und Menschenhandel zu den einträglichsten kriminellen Geschäftszweigen.
Kommt ein wahnsinniger Kunstliebhaber, der den Anblick des "Schreis" keinem anderen Menschen gönnen will, als Auftraggeber in Frage? Kaum, sagen Experten. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass die Osloer Räuber schlicht auf Lösegeld aus sind. Denn "Der Schrei" und "Madonna" sind wohl selbst auf dem illegalen Kunstmarkt unverkäuflich. Und dass sie nicht gegen Raub versichert waren, ist vom kunsthistorischen Standpunkt aus nebensächlich - obwohl der Anblick vieler, vieler Nullen auf einem Versicherungsscheck zweifellos auch eine Art sinnliches Erlebnis darstellt.
Eine andere Version des "Schreis" ist vor zehn Jahren gestohlen worden und nach drei Monaten unversehrt wieder gefunden worden. Angeblich ohne Zahlung eines Lösegelds. Künftig wird es nicht mehr genügen, sich beim Schutz des kulturellen Erbes der Menschheit auf so viel Glück zu verlassen.

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