"Kleine Zeitung" Kommentar: "Olympia zog seine sauberen Spiele selbst in den Schmutz" (von Gerald Pototschnig)

Ausgabe vom 19.08.2004

Graz (OTS) - Selten zuvor wurden offensichtliche Dopingsünder derartig mit Glacé-Handschuhen angefasst, wie die griechischen Sprinter Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou. Thomas Bach, deutscher Vorsitzender der Disziplinarkommission des Olympischen Komitees IOC, bemühte sogar die Menschenrechte, um die Vertagung der Anhörung der beiden Athleten um 48 Stunden begründen zu können.

"Je mehr wir schnappen, desto besser", tönte IOC-Präsident Jacques Rogge. Um zugleich einen Schritt zurück zu machen und von "der Unschuldsvermutung" der beiden auszugehen. Obwohl Kenteris & Thanou die Dopingjäger mehrfach gefoppt und die Anti-Dopingbestimmungen mit Füßen getreten haben, ließ sich das IOC tagelang von den Griechen hinhalten und drückte sich vor einem Machtwort.

Sei es falsch verstandene Höflichkeit vor dem Gastgeberland gewesen. Oder war es die Angst vor der eigenen Courage, zwei griechische Nationalhelden öffentlich zu kreuzigen. Mit dem Zaudern und Zögern hat das IOC seine Glaubwürdigkeit einmal mehr in Frage gestellt.

Und damit, dass Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou mit ihrem gestrigen Rückzug von den Spielen einem logischen Olympia-Ausschluss zuvorgekommen sind, kann sich das IOC nicht wort- und grußlos davon schwindeln.

Zu deutlich hatte sich selbst Griechenland inzwischen von seinen Helden distanziert. Staatschef und Sportminister sprachen von einer "nationale Schande". Das Justizministerium zieht eine Anklage wegen "Verunglimpfung des Vaterlandes" in Erwägung.

Zu deutlich hatte Manolis Kolimbadis, Delegations-Vize der Griechen, jenen Moment geschildert, als er die beiden Sprinter bei ihrer Ankunft im Olympischen Dorf auf mögliche Dopingtests hingewiesen hat. "Sie wurden sehr nervös, haben wie erschrockene Tauben reagiert. Thanou zitterte am ganzen Leib."

Alles andere als ein Ausschluss von Kenteris und Thanou von den Spiele wäre der eigentlich Skandal am Skandal gewesen. Die Chance, seinen propagierten schonungslosen Kampf gegen Doping und das Credo von sauberen Spielen zu verdeutlichen, hat sich das IOC aber nehmen lassen.

"Am Fundament Olympias ist eine Bombe mit vielen Megatonnen Sprengstoff detoniert", schrieb die Zeitung "Ethnos" vor einer Woche. Aber ausgerechnet jene Herrschaften, die für Olympia Verantwortung tragen, tun so, als ob sie von dieser Detonation bis heute nichts gehört hätten. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001