"Jeder gespendete Euro kommt in Darfur an" Ö3 Sondersendung zum Auftakt von Nachbar in Not

Wien (OTS) - Gestern, Dienstag, dem 17. Juli, brachte Ö3 von 22.00 Uhr bis Mitternacht eine Sondersendung zur humanitären Situation in der westsudanesischen Krisenregion Darfur. Zu Gast bei Andi Knoll waren Franz Karl Prüller, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Nachbar in Not und Generalsekretär der Caritas Österreich, Barbara Busch, Rot Kreuz Mitarbeiterin, soeben aus dem Sudan zurückgekehrt und Walter Voitl, Ärzte ohne Grenzen, monatelang in Darfur als Krankenpfleger eingesetzt sowie Helmut Opletal, ORF-Außenpolitik-Experte. Im folgenden eine Zusammenfassung der Expertengesprächsrunde.

Andi Knoll: "Was ist das Bild, das sich am meisten eingebrannt hat, woran denken Sie nach Ihrer Rückkehr aus Darfur immer noch?"

Barbara Busch: "Ich habe in El Fasher mit Flüchtlingen gesprochen, darunter auch eine Hebamme. Diese hat mir erzählt, dass an dem Tag als ihr Dorf angegriffen wurde, sie gerade ein Kind entbunden hatte. Die Mutter rannte mit dem Neugeborenen noch blutend los, um sich in Sicherheit zu bringen. Sie haben das beide überlebt und sind jetzt in einem Flüchtlingslager."

Andi Knoll: "Worum geht es in diesem Konflikt, geht es um Religion, um Erdöl?"

Helmut Opletal: "Es geht ein bisschen um alles und ich glaube, auch wenn wir heute Abend vor allem von der humanitären Katastrophe sprechen und darüber, was man für die Menschen in Darfur tun kann, dürfen wir nicht vergessen, dass es hier auch politische Verantwortung gibt. In Darfur selbst ist es kein Religionskrieg, anders als im Südsudan, wo sich ja christlich- afrikanische Gruppen mit den arabisch- nordsudanesischen Gruppen bekriegen. In Darfur sind alle Beteiligten eigentlich Muslime, auch wenn die einen ein bisschen mehr in der afrikanischen Tradition sind, die anderen, denen man die Verantwortung für diese Massaker und diese Übergriffe vorwirft, die arabische Mehrheit des Sudan repräsentieren. Es ist ein sehr komplizierter Konflikt, aber es gibt natürlich politisch Verantwortliche. Was für mich ganz wichtig ist jetzt bei diesem Konflikt, ist die internationale Aufmerksamkeit, die hoffentlich dazu beiträgt, dass es zu einer politischen Lösung kommen kann, dass dieses Morden, Schlachten, Vertreiben, Vergewaltigen nicht weitergeht. Und ich glaube, es ist auch wichtig, dass gerade die westlichen Länder, die durch ihre Militäraktionen, wenn ich etwa an den Irak denke, nicht immer sehr positiv gesehen werden, gerade in der islamischen Welt, das jetzt durch einen großen humanitären Einsatz im Sudan, dieses Bild vielleicht ein bisschen in diese Richtung korrigiert werden kann."

Andi Knoll: "Franz Karl Prüller, wieso sprechen wir bei dieser Aktion von Nachbar in Not, der Sudan ist doch weit weg?"

Franz Karl Prüller: "Weil wir den Menschen helfen können. Viele Österreicherinnen und Österreicher sehen diese Menschen durch die Fernsehgeräte in ihren Wohnzimmern, sie schauen uns aus den Zeitungen an. Ihre Schicksale berühren uns direkt und unmittelbar und wir können helfen. Und dadurch werden Menschen in diesem globalen Dorf zu Nachbarn, zu unseren Nächsten, denen wir aufgefordert sind zu helfen, weil wir es auch können."

Andi Knoll: "Wie sicher ist es, dass die Hilfsgüter auch wirklich ankommen?"

Franz Karl Prüller: "Wir haben im Sudan, in Westdarfur, unsere Mitarbeiter, die Transporte begleiten. Es stimmt, die Situation ist keine reguläre und in manchen Fällen auch eine durchaus unsichere, allerdings werden die humanitären Hilfslieferungen der nicht-staatlichen Organisationen, die dort tätig sind, respektiert und wir können gesichert die Hilfsgüter bis in die Lager bringen. Das heißt, wir haben hier die Sicherheit, dass Menschen geholfen wird, und dass das, was wir dort tun, auch von den Rebellen, von den Menschen, die dort gegeneinander kämpfen, respektiert wird, weil es eine Hilfe für die Menschen in Not dort ist."

Andi Knoll: "Gab es irgendwelche Erlebnisse während der Zeit, als Sie in Darfur waren, wo Sie das Gefühl hatten, nicht alle Hilfe kommt an, dass Sie behindert werden in Ihrer Arbeit?"

Barbara Busch: "Ich sehe die Schwierigkeit eher darin, dass es kaum Straßen gibt, dass die Lastwagen sehr lange unterwegs sind. Teilweise 12 Tage, um von der Hauptstadt in den Darfur zu kommen und auch Spezialgeräte und einen Techniker mithaben, um die Straße zu planieren. Das heißt, es ist eine aufwändige Hilfe, aber der Großteil kommt an."

Walter Voitl: "Es war zu Beginn schon so, dass die administrativen Hürden für Hilfsorganisationen sehr groß waren und schwierig zu überwinden, zum Beispiel hat es kaum Reisegenehmigungen gegeben, man hat keine Visa gekriegt für das Land. Das ist aber jetzt, seit der Druck auf den Sudan von internationaler Seite wächst, wesentlich besser geworden. Es ist uns jetzt auch leichter möglich, die Hilfe wirklich in den Sudan zu bringen."

Andi Knoll: "10 Euro sichern einer Familie in Darfur das Leben. Wie ist das gemeint?"

Franz Karl Prüller: "Wir haben diesen Betrag folgendermaßen errechnet: wir haben gesagt, eine Familie braucht, damit sie das Notwendigste zum Leben hat, gewisse Dinge, die in diesem Paket sozusagen drinnen sind. Das sind Planen, das heißt Schutz vor Regen und Hitze, mit denen man sich einen Schutz bauen kann. Da sind drinnen Moskitonetze, Schutz vor Ansteckung mit Malaria, da ist drinnen Kleidung für die Menschen, die ja oft mit nur einem Stück am Körper geflohen sind. Da sind drinnen Haushaltgeräte, damit man wieder Essen kochen kann, Trinkbecher, Besteck und Geschirr, damit man auch vernünftig essen kann und nicht nur vom Boden oder aus der Hand essen muss. Da sind drinnen ein Wasserkanister, um Wasser holen und aufbewahren zu können, das Essentielle in einer solchen Situation. Da sind Hygieneartikel wie Seife drinnen, um sich waschen und sauber halten zu können, um eben auch die Ansteckungsgefahr und Krankheiten zu verhindern. Da sind Decken drinnen, um sich warm halten zu können in der Nacht, wenn es kalt ist. Das ist ein Paket, das kostet ungefähr 60 Euro und das rechnen wir für einen Monat, und das sind dann, weil diese Ausrüstungsgegenstände für ein halbes Jahr gedacht sind, dann eben die 10 Euro pro Monat, auf ein halbes Jahr 60 Euro. Und damit kann die Familie sich sozusagen einrichten und ein Überleben mit den dazu notwendigen Lebensmittel und der Zurverfügungstellung von Wasser sichern."

Andi Knoll: "Eine Region so groß wie Frankreich, eine Million Menschen sind auf der Flucht. Wie muss man sich das vorstellen, wenn man dort runter kommt, wie schaut es dort aus?"

Barbara Busch: "Ich hab in El Fasher Flüchtlingscamps besucht und da leben in einem 15.000, in dem anderen 45.000 Menschen, das heißt, das sind kleine Städte in der Größe von Steyr zum Beispiel. Ein Flüchtlingscamp kann man sich so vorstellen, das sich die Menschen teilweise aus Ästen und Reisig notdürftig Hütten gebaut haben. Manche haben Zeltplanen bereits bekommen als Schutz vor dem Regen und andere nicht. Einer der schwierigsten Momente auf der Reise war für mich ein neunjähriger Bub, der sehr stark unterernährt war, nur noch aus Haut und Knochen bestand. Seine Mutter hat ihn am Rücken getragen wie sonst nur die Kleinkinder getragen werden."

Andi Knoll: "Wie schaut es aus mit den Hilfsorganisationen? Brauchen die noch Leute?"

Franz Karl Prüller: "Die Hilfsorganisationen brauchen in erster Linie qualifiziertes Fachpersonal. Ich habe die allergrößte Hochachtung vor Menschen, die sich selbst bereitstellen wollen, um ganz konkret zu helfen. Ich muss allerdings darauf hinweisen, dass es doch beträchtliche Probleme geben kann in solchen Fällen. Gerade für das, Menschen einfach beistehen, mit ihnen zu sein, ist es vor allem auch wichtig, dass man ihre Sprache spricht, um genau das zu tun, was diese Menschen brauchen, um Zuneigung und Aufmerksamkeit zu schenken. Das bedarf einfach auch der Möglichkeit mit diesen Menschen zu kommunizieren. Hier arbeiten wir, die Hilfsorganisationen, vor allem mit lokalem Personal. Es gibt ja Menschen im Sudan, die wir auch anstellen können, die sich bereit erklären mitzuarbeiten und die genau das mitbringen, dieses menschliche Mitgefühl und die Möglichkeit direkt mit den Betroffenen zu kommunizieren."

Andi Knoll: "Gab es nie in den sechs Wochen, die Sie unten waren, eine gefährliche Situation?"

Walter Voitl: "Ich persönlich habe mich in keiner gefährlichen Situation gesehen. Alle Hilfsorganisationen stellen die Sicherheit unserer Mitarbeiter über alles Andere. Wir von Ärzten ohne Grenzen haben im heurigen Frühjahr erlebt, dass fünf unserer Mitarbeiter in Afghanistan zu Tode gekommen sind. Im Sudan stellt sich für mich die Situation bei Weitem nicht so dramatisch dar, ein gewisses Restrisiko wird für alle Mitarbeiter immer bleiben, es ist aber ein absolut kalkulierbares Risiko das bleibt. Zur Frage der persönlichen Mitarbeit ist es so, dass wir alle, die in diese Krisenregionen gehen, sehr lange Vorbereitungen durchmachen und wir von Ärzte ohne Grenzen auch wirklich nur erfahrenes Personal, das in solchen sehr schwierigen Situationen schon gearbeitet hat, dorthin schicken, um eben auch die Arbeit effizient gestalten zu können."

Andi Knoll: "Wie viel Geld brauchen wir denn, um etwas bewirken zu können?"

Franz Karl Prüller: "Wir brauchen viel Geld. Die Hilfsorganisationen haben große Programme laufen und wir brauchen einen langen Atem in dieser Sache. Sie haben vorher die Frage gestellt, wann wieder Frieden ist. Frieden ist dann, wenn die Menschen wieder zurück in ihren Dörfern sind, wenn sie wieder ihren eigenen Boden bebauen, wenn sie aus eigener Kraft leben können. Das braucht noch eine Weile, Geld und einen langen Atem und ich hoffe auf große Unterstützung. Ich kann schwer eine Summe sagen, jedes Geld ist willkommen und ich muss auch sagen, jeder Euro hilft. Je mehr davon zusammen kommen, je mehr können wir helfen. Die Stiftung Nachbar in Not hat die klare Regel, dass die Gelder, die ihr anvertraut werden, ohne Verwaltungsabzüge und Bearbeitungsabzüge direkt in die Hilfe investiert werden müssen. Das heißt also das Geld, das wir bekommen, geht direkt in die Projekte im Sudan. Man hilft direkt und unmittelbar mit diesem Geld."

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