DER STANDARD-Kommentar "Die misshandelte Telekom" von Michael Moravec

Verkauf an die Swisscom: Gut für das Unternehmen, aber ein Offenbarungseid - Ausgabe vom 18.8.2004

Wien (OTS) - Mit dem nun offensichtlich bevorstehenden Verkauf der Telekom Austria an den staatlichen Schweizer Swisscom-Konzern könnte eine schon fast unendliche Geschichte doch noch ihren Abschluss finden: Eine Geschichte über die jahrzehntelange systematische Misshandlung eines für Österreich strategisch bedeutenden Unternehmens durch den Eigentümer Staat - und, vor allem, ein Lehrstück über österreichische Industrie- und Wirtschaftspolitik.

Dabei ist es nicht so wichtig, ob nun die Swisscom - für sie sprechen einige Indizien - zum Zug kommt, ob es doch noch ein anderer Konzern wird oder ob, wie ursprünglich geplant, Finanzinvestoren einsteigen. Wichtig ist, dass das Unternehmen und seine Manager aus der jahrelang eingenommenen Warteposition endlich Klarheit über ihre Zukunft bekommen und Visionen und Strategien entwickeln können.

Synergien sind mit den Schweizern auf den ersten Blick zwar auch wenige zu erkennen, aber: "Die Schweizer wollen wachsen und haben Geld, und die Österreicher wollen wachsen und haben keines", fasste es ein Kenner der Szene zusammen: Es könne sich um die Partnerschaft zweier Spätberufener handeln, die die letzte Möglichkeit ergreifen, doch noch zu einer Familie zu kommen.

Interesse wird den Schweizern natürlich vor allem an der Cashcow der Telekom, dem Handynetzbetreiber A1/ Mobilkom, nachgesagt. Denn das Schweizer Pendant "Swisscom Mobile" gehört zu 25 Prozent Vodafone, dem Kooperationspartner von A1. In diesem Bereich würden vermutlich eher größere Einsparungen und Vorteile anfallen, meinen Experten. Gut möglich also, dass nach einer etwaigen Fusion eine neue gemeinsame Mobilfunktochter Swiss/A1 an die Börsen von Zürich und Wien kommt. Ob die Telekom Austria in ihrer derzeitigen Form selbst an der Börse bleibt, ist eher zu bezweifeln. Der Swisscom wird nachgesagt, sich an Unternehmen ausschließlich mehrheitlich oder gar nicht zu beteiligen. Für die Telekom Austria würde eine Beteiligung der Schweizer also Geld und die Chance auf eine weitere Durchlüftung bringen: Noch immer ist das Unternehmen den Mief verstaubter Amtsstuben und verzopfter Strukturen nicht wirklich losgeworden, noch immer können Telefonanschlüsse während der "Sprechstunden beantragt" und nicht während der Geschäftszeiten bestellt werden.

Für Österreich stellt sich aber wieder einmal die Frage: Warum werden fast immer nur heimische Unternehmen verkauft - und warum gibt es relativ wenige erfolgreiche Beispiele österreichischer Engagements im Ausland (wie etwa die OMV und die Erste Bank)? Warum also ist die Telekom nicht ebenso in der Lage, die Swisscom zu übernehmen?

Die Antwort liegt unter anderem in der jahrzehntelangen Praxis (roter) Finanzminister, der Vorgängerin "Post- und Telegraphenverwaltung" vor allem in den 80er- und 90er-Jahren "Sonderdividenden" abzuknöpfen. Sonderdividenden von insgesamt mehr als 120 Milliarden Schilling für das Budget des Finanzministers, die das Unternehmen natürlich nie verdient hatte, sondern an den Kapitalmärkten aufnehmen musste. Dieses abgepresste Geld samt Zinsen fehlte natürlich für Expansionen und Modernisierungen. Die missglückte und mittlerweile wieder beendete Partnerschaft mit der Telecom Italia und der bereits unter Finanzminister Karl-Heinz Grasser befohlene völlig übereilte Börsengang führten zum Stillstand vieler Zukunftsplanungen. Während die neuen Telekom-Manager rätselten, wie sie die Tausenden überzähligen, aber unkündbaren Beamten loswerden könnten, war die Konkurrenz bereits im Osten fröhlich auf Einkaufstour. Unter dem Strich ist eine planbare Zukunft - ob mit Swisscom oder einem vergleichbaren Partner - für die Telekom essenziell und ein Ende des Eiertanzes damit wünschenswert.

Für Österreichs Wirtschaftspolitik ist es aber ein Offenbarungseid.

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