Deutschland - Österreich, eine unendliche Geschichte

"Presse"-Leitartikel vom 17.8.2004, von Hans Werner Scheidl

Wien (OTS) - Die Deutschen sind der große Bruder, an dem wir uns ständig messen. Das wird auch immer so bleiben." Hans Krankl, diese Kicker-Legende, hat das Verhältnis des Austriaken zum großen Nachbarn auf den Punkt gebracht. Am Mittwoch kommt Deutschlands neuer Bundespräsident Horst Köhler zu seinem Wiener Kollegen Heinz Fischer, der ebenso kurz im Amt ist. So sehr die beiden Politiker tagsüber die guten Beziehungen zwischen den EU-Nachbarn herausstreichen mögen -abends wird die Sache ganz anders aussehen: beim "Freundschafts-Länderspiel" Österreich gegen Deutschland im Wiener Stadion.
Es geht ums Selbstvertrauen. Nicht nur auf dem grünen Rasen: Die Deutschen kommen mit neuen "Nationaltrainern" - sowohl was die Fußballer, als auch das Staatsganze betrifft. Noch residiert Horst Köhler in Berlin im Ausweichquartier: Schloss Bellevue muss von Grund auf saniert werden. So wie Deutschland.
Da hat es das kleine Gastgeberland Österreich noch immer ein bisschen besser. Zwar zählen seine Kicker auch nicht gerade zur Weltklasse, aber das Land befindet sich nicht in diesem abgrundtiefen gesellschaftlichen Schockzustand, der die Erben des einstigen deutschen Wirtschaftswunders zu Boden drückt. Die ökonomische Misere, die tiefe Wurzeln hat, aber erst in der Amtszeit der rot-grünen Zweckkoalition zu Tage trat, sollte dem Zwerg Österreich keinen Anlass zur Schadenfreude geben.
Dazu ist bestenfalls ein harmloses Fußballmatch geeignet. Dort kann sich diese eigenartige Antipathie austoben, die Deutsche wie Österreicher gefangen hält. Eine Melange aus Herablassung einerseits und Unterlegenheitsgefühl anderseits. Eine unendliche, eine spannende Geschichte.
Vor wenigen Tagen jährte sich zum 200. Mal der Entschluss des habsburgischen Römisch-Deutschen Kaisers Franz II., sich mit dem Titel eines "Kaisers von Österreich" zu schmücken. Die Habsburger (zugewanderte "Gastarbeiter" aus dem Aargau) wollten Napoleon "auf gleicher Augenhöhe" begegnen, der sich zum französischen Kaiser gekrönt hatte. "Wir erklären, dass Wir das Band, welches Uns bis jetzt an den Staatskörper des deutschen Reiches gebunden hat, als gelöst ansehen . . ."
Bismarcks Großmachtpolitik, Österreichs Niederlage bei Königgrätz 1866 erledigte den Rest. Die gemeinsame Geschichte, die mit der bajuwarischen Besiedelung und der Schaffung eines Ostreiches namens "Ostarrichi" einst begonnen hatte, die hatte einen Riss bekommen, der sich rasch vertiefen sollte. Schon im 1. Weltkrieg war die "Waffenbrüderschaft" eine eher erzwungene, die Pläne "Deutschösterreichs", sich nach dem Zerfall der Donaumonarchie dem deutschen Reich anzuschließen, entsprangen bitterster Not hierzulande.
Und der "Beutegermane" Adolf Hitler trieb seinen früheren österreichischen Landsleuten dann den Traum vom Reich sehr rasch, sehr gründlich aus. Er endete in Blut, Tränen, Trümmern und Hekatomben von Toten.
Die wendigeren Österreicher besannen sich auf ihren eigenen Weg fürderhin durch die Weltgeschichte, wurden als Opfer Hitlerscher Aggressionspolitik anerkannt, es blieb ihnen das Zerhacken des Landes in einen west- und einen ostorientierten Staat erspart - was zu erheblicher Verstimmung zwischen den Nachbarn beitrug.

Und selbst das Einander-Näherrücken der beiden Staaten unter dem Dach der EU verhinderte nicht erhebliche Misshelligkeiten - bei den Sanktionen gegen die VP/FP-"Wenderegierung" im Jahr 2000 taten sich die Berliner Gerhard Schröder und Joschka Fischer in besonderer Weise hervor.
Die Sache ist inzwischen diplomatisch beigelegt, man muss ja deswegen die Herren Schröder/Fischer nicht lieben. Auch hier wird Horst Köhler einiges verbessern können. Wenn er dafür Zeit hat. Derzeit freilich herrscht in Deutschland dringender "Handlungsbedarf". Nicht nur auf dem Fußballfeld.

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