"Behindert mit System" von Conrad Seidl

DER STANDARD-Kommentar, Ausgabe vom 17. August 2002

Wien (OTS) - Soll keiner sagen, dass man mit einer körperlichen Behinderung nicht auch "am Bau" arbeiten kann! Nein, wohl nicht beim Ziegelschupfen oder Betonmischen, aber den ganzen Wienerberger-Konzern lenkt Wolfgang Reithofer sehr erfolgreich vom Rollstuhl aus. Übrigens ohne viel Aufhebens von seiner Behinderung zu machen.

Selbstverständlich ist das nicht. In unserem Land wird Behinderung zwar gelegentlich vorgeführt, wenn es ums Mitleidheischen geht - im Alltag aber versteckt. Menschen, die selbst keine Behinderung haben, sind wahrscheinlich froh, auf der Straße nicht mit dem Anblick behinderter Mitmenschen konfrontiert zu werden. Am Arbeitsplatz, in Geschäften und - wie die Grünen-Abgeordnete Theresia Haidlmayr aufgezeigt hat - auch auf Amtswegen bleibt einem die Konfrontation mit Behinderung weit gehend erspart. Menschen mit Behinderung werden weg- und ausgesperrt und damit erst eigentlich zu "Behinderten".

Das hat nur zum Teil damit zu tun, dass der gesetzliche Druck, behinderten Menschen bevorzugt Arbeit zu geben, nicht allzu hoch ist. Es ist auch eine Folge der systematischen Verdrängung behinderter Menschen aus Bereichen außerhalb der Arbeitswelt: Gerade die ausnahmsweise Begegnung mit Behinderung wirkt ja "peinlich" auf die, die selbst nicht betroffen sind - während sie Kindern, die mit behinderten Gleichaltrigen in Integrationsklassen aufgewachsen sind, "gewohnt" erscheint.

Für diese Kinder entsteht schon eine normalere Welt.

Wir anderen müssen uns daran gewöhnen. So wie wir uns an das Altern der Gesellschaft gewöhnen müssen, sollten wir unseren Blick dafür öffnen, dass Menschen mit Behinderung eben da sind - und dass sie in der Arbeitswelt für mehr als für Hilfsarbeiten geeignet sind.

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