"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Griechische Tragödie" (Von Peter Nindler)

Ausgabe vom 16. August 2004, neue Fassung!

Innsbruck (OTS) - Stolz auf die Geschichte und farbenfroh - die Eröffnung der Olympischen Spiele in Athen war Balsam für Augen, Geist und Herz, wie es die italienische Gazetto dello Sport beschrieb. Athen setzte Sydney fort, ließ die amerikanisierte Gigantomanie von anderden Eröffnungen vergessen. Olympia kehrte würdig an ihre Geburtsstätte zurück. Schlichte, aber imposante Kunst entschädigte für viele Schelten, die das Athener Organisationskomitee in den vergangenen Jahren einstecken musste. Aber Griechenland ist mit Olympia fertig geworden - nicht nur symbolisch.
Doch das Schauspiel war schon am Freitag eine Tragödie, eine griechische und eine der olympischen Familie. Der Dopingskandal um die beiden griechischen Sprint-Stars Kostas Kenteris (Olympiasieger von Sydney) und Ekaterini Thanou (Olympiazweite vor vier Jahren) legte sich wie ein langer Schatten über die Zeremonie und erfasste am Wochenende ganz Hellas.
Überschattete die Angst vor Terror die Wochen vor Beginn der Spiele, so nimmt gleich beim Startschuss eine entzündete Doping-Diskussion Olympia in Geiselhaft. Griechenland wollte saubere Spiele präsentieren und muss jetzt schwarze Flecken mühevoll beseitigen. Doch anstatt die beiden gleich von Olympia auszuschließen, wurden Kenteris und Thanou, die in Griechenland Heldenstatus besitzen, lediglich aus der griechischen Mannschaft verbannt, der schwarze Peter dem Internationalen Olympischen Komitee zugeschanzt. Wird die Affäre allerdings noch länger hinausgezögert, bröckelt die Glaubwürdigkeit von Olympia noch schneller als bisher. Schließlich wird die Liste von gedopten Athleten von Tag zu Tag länger, rückt der Sport immer mehr in den Hintergrund.
An ihrer Geburtsstätte werden die Olympischen Spiele deshalb nicht so sehr von ihrer Vergangenheit eingeholt als von der dunklen Gegenwart. Nicht die Antike prägt Olympia 2004, sondern die neuzeitliche Geißel namens Doping.

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