"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die unheimliche Spirale - Die Militarisierung der Olympischen Spiele stellt eine Reihe von unangenehmen Fragen." (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 15.08.2004

Graz (OTS) - Über der Akropolis schwebt ein Zeppelin, voll bepackt mit Hightech-Kameras und Chemiewaffen-Detektoren. In der Ägäis kreuzen Schlachtschiffe, Patrouillienboote kontrollieren die Küste. Die Nato hat ihr Frühwarnsystem mit den Awacs-Radarflugzeugen aktiviert, Patriot-Raketen wurden rumd um Athen in Position gebracht. In den nächsten zwei Wochen sind in der griechischen Hauptstadt 70.000 Sicherheitskräfte im Einsatz.

Großereignisse wie die Olympischen Sommerspiele erzwingen heutzutage die Generalmobilmachung. An der Penetranz, wie dieser Schutz zur Schau gestellt wird, ist abzulesen, ob es sich um die befürchtete "Militarisierung" der Spiele handelt oder ob die Uniformen und Waffen diskret im Hintergrund bleiben. Schließlich leben die Griechen seit Jahrhunderten mit den Arabern friedlich zusammen, auch wenn es keine Versicherungspolizze gegen den Terror ist, dass Griechenlands Idol Mikis Theodorakis eine Hymne für Palästina komponiert hat.

Wo soll das enden? Noch mehr Scharfschützen, Metallschleusen, Leibesvisitationen? George Orwells "Big Brother", der alles und jeden überwacht, ist nicht Vision, sondern längst Realität.

Eine Alternative gibt es nicht. Wie anders kann man sich gegen das Unbekannte schützen als durch möglichst große und genaue Sicherheitsmaßnahmen? Wer kann vorweg sagen, dass die Drohungen unbegründet und die Warnungen übertrieben sind?

Seit dem 11. September 2001, als das World Trade Center in Schutt und Asche versank, gelten neue Spielregeln. Allerdings scheint es Spieler zu geben, die ihr eigenes Spiel spielen. Anfang dieses Monats erschreckte die amerikanische Regierung die Welt mit dramatischen Warnungen vor Terroranschlägen auf die Finanzzentren in der Wallstreet von New York. Jetzt gab das von George Bush installierte Heimatschutzministerium zu, dass es keine entsprechenden Hinweise auf bevorstehende Anschläge gegeben hat.

Also bloß ein Probealarm? Oder ein Wahlkampfmanöver, mit dem Präsident Bush von der Nominierungs-Show seines Konkurrenten John Kerry ablenken wollte?

Das Dilemma ist, dass man erst im Nachhinein die Wahrheit erfährt oder sie wenigstens ahnt. Umso unheimlicher ist die Spirale des wechselseitigen Aufschaukelns von Warnungen und Sicherheitsmaßnahmen. Werden im "Krieg gegen den Terror" nicht immer öfter Werte bedroht oder gar aufgehoben, die es eigentlich gegen "das Böse" zu schützen gilt? Die Grenze ist rasch überschritten, wonach der Zweck die Mittel heilige. ****

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