DER STANDARD-Kommentar "Seltsame Allianzen" von Gerfried Sperl

Die sommerliche Rechtschreibdebatte kümmert sich um SMS und Internet nicht - Ausgabe vom 14./15.8.2004

Wien (OTS) - Selbst der Schriftsteller Robert Menasse geriet
diesmal in eine seltsame Allianz. So wie Hans Dichand, Herausgeber der Kronen Zeitung, verteidigt er die alte Rechtschreibung wie wild. Mit anderen Argumenten zwar, aber ganz in der Tradition österreichischer Dichter. Niemand weiß heute offenbar, mit wem er morgen einer Meinung ist.

Verlassen konnten sich Rechtschreibpedanten auf die Dichtung nie. In den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts schritt Arthur Schnitzler immer noch durch die Thüren der Monarchie, so als hätte es die damals schon zwanzig Jahre alte Reform nie gegeben. Umgekehrt nahmen sich Schriftsteller immer das Recht auf eigene Schreibweisen. Stefan George schrieb alles klein und Arno Schmidt vieles anders.

Die Lyriker hatten immer ihr ganz eigenes Deutsch. So wie anderswo ihr spezielles Englisch oder Französisch. Wortschöpfungen, Färbungen, Bildcollagen, eigenmächtige Platzierung von Satzzeichen, das war stets der Gestus des Lyrischen. Daran möchte auch die neue Rechtschreibung nicht rütteln.

Diese Freiheit also wird es weiter geben. Vorgeschrieben ist die Reform nur den Schulen, den Ämtern, den Gerichten, den gesetzgebenden Körperschaften. Richtigerweise. Weil sich sonst unter den Anwälten eine eigene Zunft herausbilden würde: jene der Exegeten. Ganz abgesehen von der Flut an Prozessen, hervorgerufen durch verschiedene Auslegungen von Texten unterschiedlicher Sprachfantasien.

Also muss es so etwas wie eine offizielle Sprache geben, die auch das Schulbuch prägt. Was die momentane Debatte in ein noch groteskeres Licht rückt. Leute wie Dichand, dessen Zeitung fast täglich nach Sparsamkeit ruft und die den Politikern am liebsten noch weniger zahlen würde als einem Pfarrer, erwähnt die Kosten einer Umstellung der Bücher überhaupt nicht. Das würde die populistische Note stören. So funktioniert Auflagenjournalismus.

Völlig ausgeblendet wird von den Verfechtern der alten Sprach- und Wortgestalt der Einfluss der neuen Medien. In den Postings der Onlinezeitungen nehmen Anglizismen ebenso zu wie die aus dem Jiddischen und aus dem Böhmischen stammenden umgangssprachlichen Ausdrücke. Im E-Mail-Verkehr ist eine Abnahme der Konventionen des Briefverkehrs genauso festzustellen wie die Abnahme der Groß-Klein-Schreibung. SMS ist ein eigenes Phänomen: Einerseits als extrem privater Transport von Intimitäten, der den Liebesbrief ins Kerzen- Zeitalter schickt. Andererseits als Kommunikation unter Gruppen und Zirkeln, deren Sprache fremde tribes und families ausgrenzt.

Neben dem Österreichischen Wörterbuch oder einem Austro-Duden, wo das offizielle Deutsch, vermehrt um österreichische Varianten (Paradeiser und Erdäpfel, Lavoir und Trottoir), festgehalten wird, sollte es alle fünf oder zehn Jahre eine Bestandsaufnahme der Spezial- oder Sondersprachen geben, um die Internet- und Handyentwicklungen berücksichtigen zu können.

Raritäten wären ein Gaudium der besonderen Art. Das politische Deutsch zum Beispiel. Von der Haupt-Sprache (und deren Transkription) bis zur Gewerkschaftssprache. Oder das Deutsch der Sportreporter, das - glücklicherweise - nie das Licht des Schriftlichen erblickt. Die Wörter selbst, die stimmen meist, die Collagen sind es, die ihnen oft eine ganz neue Bedeutung geben. Eine atemberaubend schwachsinnige.

Im Übrigen ist damit zu rechnen, dass sich die Aufregung bald wieder legt. Freitagabend wurden in Athen die Olympischen Spiele eröffnet. Der erste Skandal wird die Rechtschreibreform von den Titelseiten fegen und selbst der ehemalige Experte fürs Gotische, der Krone-Kolumnist Günther Nenning, wird auf die nächste Kampagne seines Herrn und Meisters umschwenken. Denn im Boulevard ist der Aufstand gegen das Neue genauso viel wert wie eine Schlagzeile über das neue Liebesleben von Rainhard Fendrich.

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