"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Der Faktor Mensch" (Von Mario Zenhäusern)

Ausgabe vom 12. August 2004

Innsbruck (OTS) - In Imst und Innsbruck sind zwei junge Menschen
ums Leben gekommen, weil sie Methadon geschluckt haben, ohne an den Konsum der Ersatzdroge gewöhnt zu sein. In beiden Fällen haben Abhängige die späteren Opfer mit dem für sie todbringenden Medikament versorgt, in beiden Fällen war Alkohol im Spiel. Reichlich Alkohol sogar.
So tragisch der Tod der beiden jungen Menschen ist: Hier handelt es sich um bedauernswerte Einzelschicksale. Wer aber ihretwegen die gesamte Methadon-Therapie in Frage stellt, schießt übers Ziel hinaus. Es ist international anerkannt, dass die Behandlung von Suchtkranken mit Ersatzdrogen die Todesrate und das HIV-Infektionsrisiko senkt. Außerdem verbessert die ärztlich kontrollierte Abgabe von Methadon den Gesundheitszustand der Betroffenen, ermöglicht ihnen den Wiedereinstieg in ein halbwegs normales Leben.
Die Methadon-Therapie selbst steht außerhalb jeder Kritik. Gerade in Tirol, wo sie seit mehr als zwei Jahrzehnten angewandt wird. Was allerdings einer Reform bedarf, sind die Begleitumstände der Behandlung von Abhängigen. An der Drogenambulanz müssen sich zwei Ärzte, ein Psychologe, eineinhalb Sozialarbeiter und zwei Schwestern um mehr als 800 Patienten kümmern. Das ist von jeder Realität weit entfernt.
Tirol hat darauf insofern reagiert, als in Wörgl eine zweite Drogenambulanz errichtet wurde. Die erhoffte Entlastung in Innsbruck blieb allerdings aus, weshalb jetzt ein weiterer Schritt notwendig ist: Der bereits beschlossenen Verbesserung der räumlichen Situation muss auch eine personelle Aufstockung folgen.
Tragische Unfälle wie jene von Imst und Innsbruck werden sich aber auch in Zukunft nicht vermeiden lassen. Es ist ähnlich wie beim Alkohol im Straßenverkehr: Die Autos werden sicherer, die Gesetze strenger und die Kontrollen engmaschiger, aber gegen den Unsicherheitsfaktor Mensch ist noch immer kein Kraut gewachsen.

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