"Kleine Zeitung" Kommentar: ""Enttarnung" der Putschpläne bestärkt Zweifel an Gusenbauer" (von Hans Winkler)

Ausgabe vom 10.08.2004

Graz (OTS) - Hannes Androsch freut sich diebisch, dass er einen angeblichen Plan aus SPÖ-Kreisen, Alfred Gusenbauer noch vor dem Parteitag im November zu stürzen, durch rechtzeitige "Enttarnung" vereitelt habe.

Den ehemaligen Vizekanzler und Finanzminister treibt wohl eher seine neuerwachte Lust an der Politik und die Absicht, Franz Vranitzky eins auszuwischen als die Not, eine reale Gefahr von Gusenbauer abzuwenden. Warum sollte Vranitzky jetzt in der Pension eine Entschlossenheit entwickeln, die er als Kanzler nie hatte?

Jedenfalls ist Androschs angebliche Rettungsaktion für seinen Schützling kontraproduktiv. Anstatt ihm zu helfen, bestätigt es nur, dass in der SPÖ der Zweifel am Vorsitzenden weiterschwelt. In der Öffentlichkeit lässt es den Eindruck entstehen, die SPÖ glaube selbst nicht an die Eignung ihres präsumptiven Spitzenkandidaten zum Bundeskanzler.

Auch die fünf von der SPÖ gewonnenen Wahlen dieses Frühjahrs -immerhin hat sie der ÖVP einen Landeshauptmann abgenommen und einem der Ihren Einzug in die Hofburg verschafft - helfen Gusenbauer wenig. Es ist schon zum ironischen Stehsatz geworden, dass bei der SPÖ nach jedem dieser Siege eine Obmanndebatte ausgebrochen ist.

Seit vier Jahren ist Gusenbauer Parteivorsitzender und in zwei Jahren hat er die nächste Wahl zu bestehen. Aber das einzige Angebot der SPÖ an die Wähler bisher ist das Scheitern der Regierung. Damit schafft man erfahrungsgemäß aber keine Wende.

Zwar beruft sich der SPÖ-Vorsitzende gerne darauf, dass seine Partei für alle wichtigen Politikfelder, von der Wirtschaft bis zur Bildung, Programme ausgearbeitet habe, aber was hilft das?

Gusenbauer war kürzlich in den USA, um von den dortigen Demokraten, die er für verwandt mit der SPÖ hält, siegen zu lernen. Die wichtigste Lehre, die er hätte mitbringen müssen, ist die, dass man sein Programm auf ein klares Gegenangebot zur Regierung reduzieren muss. Auf Österreich umgelegt, heißt das: Reformpolitik ja, aber eine andere als jetzt. Gusenbauer weiß das. Aber hat er auch seine Partei davon schon überzeugt?

Der SPÖ-Chef wird wieder Wolfgang Schüssel zum Gegner haben. Die ÖVP wird auf ihren Wahlplakaten dessen Anspruch gar nicht mehr als Frage kaschieren ("Wer, wenn nicht er"), sondern einfach feststellen: Er ist der Kanzler.

Dem muss Gusenbauer einen absoluten Siegeswillen entgegensetzen können. Wenn er ihn denn hat. ****

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