Von Montag bis Donnerstag

"Presse"-Glosse vom 10.8.2004, von Andreas Unterberger

Wien (OTS) - Sie marschieren wieder. In der (ehemaligen) DDR gibt
es neue "Montagsdemonstrationen", also eine Neuauflage jener Kundgebungen, die unter dem Ruf "Wir sind das Volk" eines der bösesten Regime Nachkriegseuropas beseitigen halfen, ein System, das tausendfach Blut an seinen Fingern hatte, das millionenfach Menschen gequält, bedroht, ausspioniert, verfolgt hat.
Jedoch: Wer Begriffe dieses heroischen Freiheitskampfes heute in der Agitation gegen eine Kürzung der Sozialhilfe verwendet, begeht miese Geschichtsfälschung. Wären die Demonstranten - Kommunisten, die unvermeidliche Spätpubertätstruppe "Attac", einige echte Opfer sowie einsickernde Rechtsextreme - wären sie wirklich "das Volk", dann brauchen sie heute nicht mehr Leben und Freiheit zu riskieren. Sie müssten nur bei Wahlen antreten und die Mehrheit erringen.
Um danach ihren Traum vom Weiterwuchern des Wohlfahrtsstaates zu realisieren, benötigen sie freilich noch etwas: eine Gelddruckmaschine, die den ganzen Spaß finanziert. Die deutschen Geschichtsfälscher erinnern an die österreichischen Donnerstagsdemonstranten: Diese haben sich in einem ähnlichen geistigen Diebstahl die Symbole des - wohl noch heldenmütigeren -Widerstands gegen den Nationalsozialismus, etwa das "O5", angeeignet. Begriffliche Sensibilität wird von linken Agitateuren immer nur bei den anderen eingefordert. Hunderte Wörter haben sie schon als angebliche Wiederbetätigung oder Rassismus auf den Index der politischen Unkorrektheit gesetzt. Spricht ein österreichischer Sozialdemokrat hingegen wiederholt verächtlich von "Negern", dann findet in der ganzen SPÖ aber niemand etwas dabei. Wer die Lufthoheit über die Sprache hat, der hat auch die Macht, willkürlich über Gut und Böse zu entscheiden.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
chefvomdienst@diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001