Dorner: "Deutsche Praxisgebühr ist Schildbürger-Schachzug"

Wiener Ärztekammerpräsident bezweifelt Lenkungseffekt der Praxisgebühr - Spätere Mehrkosten in Milliardenhöhe drohen

Wien (OTS) - Seit Einführung der Praxisgebühr mit 1. Jänner 2004 ist die Zahl der Arztbesuche in Deutschland deutlich gesunken. Nach Berechnungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gab es um 10 bis 15 Prozent weniger Arztkontakte als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Ärztekammerpräsident Walter Dorner findet für die deutsche Praxisgebühr daher mehr als kritische Worte: "Die Kosteneinsparungen durch den Rückgang der Arztbesuche wirken auf den ersten Blick verlockend. Doch auf den zweiten Blick ist die Idee ein Schildbürger-Streich." ****

Bei einem solchen Schritt müsse man bedenken, dass durch spätere Behandlungen Mehrkosten in Milliardenhöhe entstehen. "Wo bleibt da der versprochene Lenkungseffekt?", fragt sich der Ärztechef, der damit auch vor neuerlichen Selbstbehaltsdebatten in Österreich im Zuge der anstehenden Gesundheitsreform eindringlich warnt.

Laut den vorliegenden Daten aus Deutschland verzeichnen die Fachärzte noch höhere Frequenzeinbußen als die Allgemeinmediziner. Orthopäden, Haut- und HNO-Ärzte verzeichnen Rückgange von bis zu 40 Prozent. Dorner: "Die Auswirkungen dieser verfehlten Politik auf die nächsten Generationen sind unbeschreiblich. Krankheiten werden nicht mehr frühzeitig erkannt und die Behandlung von zu spät erkannten Krankheiten wird umfassender, langwieriger und in Folge natürlich auch teurer."

Fragwürdiger Lenkungseffekt - Überweisungen steigen

Fragwürdig sei die deutsche Praxisgebühr vor allem auch deshalb, so Dorner weiter, "weil die meisten Patienten nun zum Allgemeinmediziner pilgern, um sich Überweisungsscheine zu holen und so die Praxisgebühr umgehen" (bei einer Überweisung muss die Praxisgebühr nicht bezahlt werden, Anm.).

Dorner: "Selbstbehalte wie die Praxisgebühr sind keine Lösung zur nachhaltigen Finanzierung unseres Gesundheitssystems und ein Tabubruch in einem solidarischen System. Mit Sicherheit überwiegen die negativen Auswirkungen." Der Ärztekammerpräsident erwartet nun, dass sich die österreichische Gesundheitspolitik das Negativ-Beispiel Deutschland nicht zum Vorbild nimmt und diesen "schildbürgerlichen Schachzug" auch auf Österreich ummünzt.

Dorner: "Die in letzter Zeit immer wieder in den Medien kolportierte 'Harmonisierung' der schon vorhandenen Selbstbehalte darf unter keinen Umständen zu neuen, verdeckten Selbstbehalten in Österreich führen." Der Ärztekammerpräsident verweist auf die "absolut notwendige Maxime eines solidarischen Gesundheitssystems". Schon derzeit würden Patienten in vielen medizinischen Bereichen zu Zuzahlungen genötigt werden. Daher müsse es das Ziel sein, eine Reduzierung der Selbstbehalte zu erreichen. Keinesfalls dürfe es zu weiteren Barrieren in Form von zusätzlichen Selbstbehalten kommen, so Dorner abschließend. (bb)

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