Ein Abenteuerurlaub ohne Stau - Zukunftsmusik?

"Presse"-Leitartikel vom 3.8.2004, von Heinz Müller

Wien (OTS) - Hans Melcher ist nicht nur Hotelier am Faaker See ("Karnerhof"), sondern auch Obmann des Fachverbands Hotellerie in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ). Er zeigt seinen Kollegen seit 20 Jahren, wie ein Ausweg aus dem Stau-Dilemma auf Europas Straßen aussehen könnte. Am vergangenen Wochenende, um nur ein Beispiel zu nennen, wurden sieben Zimmer seines Hotels am Samstag mit neuen Gästen belegt, am Sonntag waren es 45.
Es waren großteils zufriedene und entspannte Gäste, die da nach Kärnten kamen: Sicher, es gab auch am Sonntag noch Staus, aber die waren längst nicht so arg wie am Samstag, als man wegen des Ferienbeginns in Bayern und Baden-Württemberg bis zu sechs Stunden lang vor dem Tauerntunnel gewartet hatte.
Stauberater berichten von genervten Autofahrern, die oft viel zu wenig Getränke für derart lange Wartezeiten eingepackt hatten und Kreislaufprobleme bekamen. Und sie erzählen von Familiendramen, etwa wenn sich eine Kolonne just dann wieder in Bewegung setzte, wenn die Ehefrau auf einer der mobilen Toiletten saß.
Die Alpenquerung als Nadelöhr auf dem Weg in den Süden: Das ist seit Jahren so - eigentlich seit 1978, als die Tauernautobahn eröffnet wurde. Jahrzehntelang redete man sich, trotz hoher Einnahmen aus der Sondermaut, auf das fehlende Geld aus. Dann kamen die Anrainer, die die Strecke einst begrüßt hatten, und forderten - zu Recht -Maßnahmen gegen Lärm und Abgase.
Jetzt hat man endlich gehandelt: In wenigen Monaten wird mit dem Bau der zweiten Röhre von Katschberg- und Tauerntunnel begonnen, 2008 will man fertig sein. Ob sich dann etwas ändert? Wohl kaum, denn die Kolonne wird sich halt etwas weiter südlich, vor der Mautstation in St. Michael, aufbauen.
Abhilfe? Die kann nur ein völliges Umdenken bringen _ und zwar in mehreren Bereichen. Das beginnt schon bei der Ferienplanung. Warum müssen Urlaube wirklich stets an Samstagen beginnen und an Samstagen enden? Hotelier Melcher zeigt es vor: Den wirklich Flexiblen bietet er sogar den Mittwoch als Tag des Zimmerbeziehens an.
Klar, dass ein Einzelkämpfer wie der "Karnerhof" am Faaker See nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Noch dazu, wenn in diesem Hotel fast alle Zimmer direkt von den Gästen gebucht werden, man also nicht auf die Kataloge der Reiseveranstalter (und auf deren Wohlwollen) angewiesen ist.
Doch jene Hoteliers und Apartment-Besitzer, die ihre Gäste nicht nur wegen des Geldes mögen, müssten TUI, Neckermann und Co. bedrängen, wenigstens einen Teil der Zimmer von Sonntag bis Sonntag oder von Mittwoch bis Mittwoch zu offerieren.
Jene, die den Stau als Beginn (und oft auch als Ende) des Abenteuerurlaubs sehen, wird man damit zwar nicht überzeugen können -die fahren am Samstag und nehmen auch keine Alternativrouten an. Doch die Umweltbewussten und jene, denen das Wohl ihrer im Stau stehenden Kinder am Herzen liegt, werden sicher auch alternative Buchungstermine annehmen.
Völlig versagt hat in den vergangenen Jahren aber auch die europäische Koordination: In Zeiten, in denen die Staaten immer mehr zusammenwachsen, darf auch die Einteilung von Ferienterminen kein unlösbares Problem sein.
Die für Schulen verantwortlichen Minister und ihre Kollegen aus dem Wirtschaftsbereich sollten sich auf EU-Ebene zusammensetzen, um nach Möglichkeit eine europäische Ferienordnung auszuarbeiten. Natürlich müsste man auch Nicht-EU-Staaten, die von den Urlauberströmen betroffen sind (wie etwa Kroatien oder die Schweiz) in diese Überlegungen einbeziehen.
Oder sind den Behörden in Brüssel Gurkenkrümmungs-Verordnungen und Kondom-Normungen wirklich wichtiger als jene Wochen, die von vielen noch immer als "schönste Zeit des Jahres" gesehen werden?

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