• 30.07.2004, 18:17:22
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DER STANDARD-Kommentar "Kerrys starker Auftritt" von Christoph Winder

Der demokratische Kandidat hat sich in Boston erstaunlich gut geschlagen

Wien (OTS) - In den USA ist der Nominierungskonvent der
Demokratischen Partei am Donnerstag zu Ende gegangen, aber der
Wahlkampf, mit dem John Kerry George W. Bush aus dem Sattel heben
will, hat eben erst angefangen. Wichtig war der Parteitag als mediale
Plattform für einen Kandidaten, der der US-Öffentlichkeit viel
weniger bekannt ist als Bush, und wichtig war er als Indikator für
die Stimmungslage unter den Demokraten. Und die haben sich selten
nach außen hin so geschlossen gegeben wie in Boston - obwohl mit dem
Irakkrieg ein Problem mit einem riesigen Spaltpotenzial ständig im
Hintergrund lauert. Lange Zeit galt der Irakkriegsgegner Howard Dean
als chancenreichster Präsidentschaftskandidat, ehe er vom
Kriegsbefürworter Kerry in den Vorwahlen besiegt wurde.
Die Geschlossenheit der Demokraten ist dabei weniger das Verdienst
von John Kerry als vielmehr das von George W. Bush. Der Zorn über die
unter dubiosen Umständen im Jahr 2000 verlorene Wahl ist immer noch
groß. Die brachialen Antiterrormaßnahmen der Regierung, die tief in
den Alltag der Amerikaner eingreifen, und der umstrittene Angriff auf
den Irak haben ein Übriges zur Polarisierung getan.
Die untergriffige Anti-Kerry-Berichterstattung des Murdoch-Senders
Fox News ist ein ebenso symptomatisches Zeichen dieser Zeit wie die
stapelweise in den Buchhandlungen aufliegenden Bush- Hassbücher oder
der exorbitante Erfolg von Michael Moores Anti-Bush-Dokumentation
"Fahrenheit 9/11", die bis jetzt schon mehr als hundert Millionen
Dollar eingespielt hat.
Vor dem Hintergrund dieser landesweiten Spaltung und einem
geschrumpften Segment von Wechselwählern hatte Kerry mit ein paar
speziellen zusätzlichen Problemen zu kämpfen, die vor allem sein
öffentliches Image betreffen. Erstens war weit gehend unbekannt,
wofür Kerry genau steht - ein Nachteil gegenüber dem amtierenden
Präsidenten: Dessen Politik geht zwar auch vielen US-Bürgern gegen
den Strich, aber wenigstens kann man halbwegs einschätzen, was man
von Bush zu erwarten hat.
Kerry wirkte bisher bei seinen Auftritten häufig entrückt und
hölzern, während es andererseits vielen Amerikanern leicht fällt, das
simple Gebaren von Bush als "Volksnähe" zu interpretieren. Vor allem
aber ist es der republikanischen Wahlkampfstrategie mit einer
Millionen Dollar teuren "Negativkampagne" gelungen, Kerry den Nimbus
des prinzipienlosen, in Sicherheitsfragen überforderten Liberalen
umzuhängen. In dieses Horn stießen viele Republikaner gleich am
Freitag wieder mit vereinten Kräften.
Dennoch hat Kerry in Boston viele Klischeevorstellungen über seine
Person entkräften können. Der Mann, der da vor den jubelnden
Parteitagsdelegierten eine neue Politik für Amerika versprach, war
weder linkisch noch geistesabwesend, und schon gar nicht wirkte er
wie der wankelmütige "Flipflopper", als den ihn die Republikaner gern
sehen. Seine Kompetenz und Entschlossenheit signalisierte er dabei
auf der körpersprachlichen Ebene noch viel mehr als auf der verbalen.
Von ein paar nicht sorgfältig genug weggeschminkten Schweißtropfen
abgesehen, war es ein hervorragender Auftritt, ein Auftritt, der
zeigte, dass Kerry die Statur eines Präsidenten hat. Für Bushs
Strategen muss besonders alarmierend sein, dass Kerry im Finish
seiner Wahlkämpfe meist noch stark zulegen konnte. Für die drei
TV-Duelle mit dem Präsidenten ist das eine ernste Herausforderung.
Wirklich seriöse Aussagen über den Wahlausgang lassen sich zu
diesem Zeitpunkt nicht treffen. Dafür sorgen die komplizierte
Wahlgeografie der Vereinigten Staaten, bei der es jederzeit zu
wesentlichen Verschiebungen kommen kann, die Unwägbarkeiten des
Irakkriegs und vor allem die Möglichkeit eines Terroranschlages in
den USA selbst, nach dem sich die politische Lage in in ganz neuem
Licht darstellen würde. Eines lässt sich freilich sagen: Dass die
Demokraten nach ihrem Parteitag von Boston mit ihrem Kandidaten weit
besser aufgestellt sind als vorher.

OTS0133    2004-07-30/18:17

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST

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