"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Heuchlerische Moral" (Von Gabriele Starck)

Ausgabe vom 30. Juli 2004

Innsbruck (OTS) - Das Schweigen ist gebrochen. An der Salzach diskutiert man darüber, Schwangerschaftsabbrüche auch an öffentlichen Krankenhäusern anzubieten. Es ist eine politische Debatte und argumentiert wird mit partei-ideologischen Argumenten: Die SPÖ fordert Unterstützung für Frauen in Notsituationen, die ÖVP den Schutz ungeborenen Lebens.
Die Fristenlösung ist seit 30 Jahren Gesetz und an diesem darf nicht im Mindesten gerüttelt werden. Es ist unerlässlich, um Frauen nicht in die Illegalität oder in die Hände von Pfuschern zu treiben - und zwar für eine für sie unbewältigbare Situation, in die sie nicht allein geraten sind. Das wird endlich akzeptiert, aber noch immer tabuisiert. Also hüten sich im Westen Österreichs öffentliche Spitäler davor, die Fristenlösung umzusetzen. Welcher Mediziner, welche Krankenanstalt will sich schon das öffentliche Etikett eines Engelmachers oder einer Abtreibungsanstalt umhängen? Welche Politikerin übernimmt die unpopuläre Aufgabe, genau dies einzufordern?
Das muss anders werden! Keineswegs, um den Frauen den Gang zum Schwangerschaftsabbruch zu erleichtern - im Gegenteil. An Krankenhäusern böte sich neben kontrollierten Eingriffen auch die Möglichkeit, der Frau eingehend mit Beratung und Gesprächen zur Seite zu stehen. Vielleicht mit dem Ergebnis, dass sie ihren Entschluss rückgängig macht und sich für das Kind entscheidet.
Davon abgesehen wirkt die hohe Moral so manch eines Mediziners auch scheinheilig, nur bei medizinischen Indikationen abzutreiben: etwa bei einem Gendefekt des Ungeborenen. Warum sollte dieses Leben weniger schützenswert sein als das eines gesunden Kindes? Warum wird einer Frau unterstellt, einem behinderten Kind nicht alle Liebe und Fürsorge schenken zu können, einem gesunden aber schon - egal unter welch psychischem, finanziellen oder familiären Druck sie auch steht?

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