"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Im Zweifel für die Manager" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 23.07.2004

Wien (OTS) - Sie predigen Wasser und trinken Champagner. Aber strafrechtlich kann man ihnen nichts anhaben, und auch aktienrechtlich bewegen sie sich in einer Grenzzone: Jene Spitzenmanager internationaler Großkonzerne, die in den letzten Jahren trotz höchst unbefriedigender Geschäftsentwicklung Millionen und Abermillionen Erfolgsprämien kassiert haben.
Am deutlichsten wurde das Dilemma im Mannesmann-Prozess, und die Richterin, die die Angeklagten gestern "im Zweifel" freigesprochen hat, brachte es auf einen einprägsamen Nenner: "Das Gericht hat nur die strafrechtliche Relevanz zu bewerten. Es hat keine Moral- und Werturteile zu fällen."
Spitzenmanager spielen heute finanziell in derselben Liga wie Opernstars, erfolgreiche Formel-I-Piloten, Fußballhelden oder Schauspieler: Einen Teil ihrer Gage bekommen sie für ihre konkrete Arbeit, aber das große Geld machen sie dank des Starkults um ihre Person, den sie erfolgreich hegen und pflegen.
Ein charismatischer Manager kann in einem Konzern tatsächlich mehr bewegen als ein noch so tüchtiger Direktor, dem es an Ausstrahlung fehlt. Die Frage ist nur, was dieses Charisma wert ist. Amerikanische Topmanager haben im letzten Jahr im Durchschnitt 4,8 Millionen Dollar verdient; die 20 Topverdiener unter den Spitzenmanagern kamen jeweils über 50 Millionen Dollar Jahreseinkommen. In Deutschland kassierten die Vorstandsdirektoren der 30 größten börsenotierten Unternehmen im Durchschnitt vergleichsweise bescheidene 1,6 Millionen Euro.
Zustande gekommen sind die Traumgagen zumindest bei US-Konzernen fast immer durch exzessive Aktienbonus-Programme. Hier wird es allerdings doppelt problematisch: Um möglichst viel zu verdienen, haben viele Manager nur noch auf möglichst gute und daher kurstreibende Quartalergebnisse geschaut. Ob das dem Unternehmen und damit auch den Aktionären langfristig gut getan hat, ist anzuzweifeln.
Allein schon deshalb ist Umdenken angesagt. Wenn aber zusätzlich die Börsenkurse in den Keller rasseln und die Mitarbeiter das Marktrisiko fast allein tragen, müssen sich jedenfalls auch Topmanager bescheidener geben. Was im Erfolgsrausch gerade noch durchgeht, ja sogar angemessen sein mag, ist im betrieblichen Wellental nicht mehr vertretbar. Vollends unmoralisch wird es, wenn die Erfolgsprämien des Vorstands durch Lohnverzicht oder Mehrarbeit der übrigen Mitarbeiter(innen) zustande kommen.
Angesichts von Gehaltskürzungen und Kündigungen sind die Gagen der Topmanager längst ein Thema an vielen Stammtischen. Wer die Kriterien der Leistungsgesellschaft predigt, muss sie auch für sich selbst akzeptieren. Sich bloß "im Zweifel" von juristisch zu verurteilendem Fehlverhalten freisprechen zu lassen, wird nicht das richtige Rezept sein, um Mitarbeiter(innen) und Aktionäre von der moralischen Berechtigung höchster Einkommen zu überzeugen.

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