Vatikan bitte melden

Glosse vom 20.07.2004 von Manfred Seeh

Wien (OTS) - Nächster Schritt in Sachen Sex-Skandal: Die Staatsanwaltschaft St. Pölten hat befunden, dass die Suppe (strafrechtlich) keineswegs zu dünn sei. Und hat angekündigt, einen Strafantrag gegen zumindest einen Priesterseminaristen einzubringen _ wegen des Besitzes von pornografischen Darstellungen mit Unmündigen. Dass der 27 Jahre alte Verdächtige ausgerechnet aus Polen stammt und der St. Pöltner Bischof Kurt Krenn beste Kontakte zu polnischen Kirchenkreisen unterhält, mag Ironie des Schicksals oder Zufall sein. Jene homosexuellen Liebkosungen innerhalb des Seminars, die anhand von Fotos dringend vermutet werden, sind für die Anklagebehörde bedeutungslos. "Das war offenbar alles freiwillig", heißt es bei der Staatsanwaltschaft. Dass es bei dem fotografierten Zungenkuss des Subregens mit einem seiner Schüler um einen von Homosexualität weit entfernten "Weihnachtskuss" gehandelt hat, wie Bischof Krenn sagt, mag irreal erscheinen, strafrechtlich gesehen ist es auch irrelevant. Abgesehen von weltlichen Mächten in Gestalt der Sicherheitsdirektion Niederösterreich und der Staatsanwaltschaft, ist auch eine interne Untersuchungskommission am Werk. Diese könnte jene Bereiche prüfen, die den Staatsanwalt nicht interessieren (dürfen). Das wird sie auch tun. Fragt sich nur, in welchem Umfang.
Auch wenn die Kommission versprochen hat, genau hinzusehen, machen Insider darauf aufmerksam, dass praktisch alle Kommissionsmitglieder enge Kontakte zu Bischof und Diözese unterhalten. Von Unabhängigkeit also keine Spur, heißt es. Bleibt also nur noch eine Instanz, die befugt und berufen ist, den von vielen Gläubigen heiß ersehnten Paukenschlag zu setzen: Rom.
Anders gesagt: Vatikan, bitte melden!

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