"Die Presse" Kommentar: "Ungelöste Probleme kehren immer wieder zurück" (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 13.7.04

Wien (OTS) - Das vergangene Wochenende hat uns die beiden
Gesichter der österreichischen Kirche gezeigt: Beim Begräbnis des verstorbenen Bundespräsidenten bewies der Wiener Kardinal-Erzbischof mit seiner Ansprache, dass die katholische Kirche auch heute noch in der Lage ist, mit ihrer Tradition, mit ihrer Lehre und mit ihren Ritualen einen Rahmen zu spannen, innerhalb dessen sich der einzelne Mensch mit seinen großen Fragen gut zurechtfinden kann. Die Veröffentlichung der Bilder aus dem St. Pöltner Priesterseminar hingegen hat gezeigt, wie schnell sich dieses menschenfreundliche Gesicht der Kirche durch Mangel an menschlicher und geistlicher Führung in eine hässliche Fratze verwandeln kann.
Was den St. Pöltner Skandal vom seinerzeitigen "Fall Groër" unterscheidet, ist, dass es hier nicht um eine Einzelperson geht, sondern um ein System. Was die beiden Fälle miteinander verbindet, ist der Umstand, dass etliche der handelnden Personen aus dem Umfeld des St. Pöltner Bischofs Kurt Krenn früher im Umfeld des verstorbenen Kardinals anzutreffen gewesen sind. In diesem Sinn könnte man das, was jetzt in St. Pölten nach und nach ans Licht kommt, also als Spätfolge der Causa Groër betrachten. Es zeigt sich, dass auch für die Kirche gilt, was viele Unternehmen, Organisationen und Einzelne teils aus bitteren Erfahrungen lernen: Probleme, die man nicht löst, kommen immer wieder auf den Tisch. Und sie sind dann in der Regel um ein gutes Stück größer als zu dem Zeitpunkt, da man sie zuletzt verschwinden ließ.
Der Hinweis auf die Causa Groër sollte freilich nicht den Blick darauf verstellen, dass das größte ungelöste Problem der österreichischen Kirche seit Jahren denselben Namen trägt: Kurt Krenn. Seit seiner Ernennung hat er nichts getan, was die Vorbehalte gegen ihn hätte entkräften können. Zugleich hat er alles getan, die Bischofskonferenz und die österreichische Kirche zu spalten. Der letzte Akt dieser Spaltung war die Abkoppelung der Priesterausbildung, auf die sich auch die Vorsitzenden der Bischofskonferenz in ihrer ersten Stellungnahme auf die "profil"-Veröffentlichung beziehen. Jeder wusste, dass Krenns Politik, all jene in sein Seminar zu lassen oder gar zu holen, die aufgrund ihrer problematischen psychischen Grundausstattung in anderen Diözesen nicht für die Priesterausbildung zugelassen wurden, auf Dauer nicht gut gehen konnte.
Man kann den österreichischen Bischöfen allerdings nicht den Vorwurf machen, dass sie nichts unternommen hätten. Seit langem wird versucht, die zuständigen vatikanischen Stellen zum Handeln zu bewegen - die immer wiederkehrenden Gerüchte um die baldige Bestellung eines Koadjutors zeugen davon -, allerdings, wie sich zeigt, mit mäßigem Erfolg.
Das Problem liegt also in Rom, nicht in Wien. Für die Gläubigen vor allem der St. Pöltner Diözese macht das freilich keinen Unterschied:
Der Vertrauensverlust, der nach Bekanntwerden der Vorgänge in St. Pölten unvermeidlich ist, wird dadurch nicht geringer.
In diesem Vertrauensverlust liegt auch die große Sprengkraft des Skandals, die vor den Grenzen der St. Pöltner Diözese nicht Halt macht. Wer wird es angesichts solcher Bilder noch riskieren, seine Kinder in die Obhut von Priestern zu geben, sei es als Ministrantinnen und Ministranten, als Jungscharkinder oder als Schüler?
Die Uneinsichtigkeit des Vatikans und die Verbohrtheit Kurt Krenns sind dabei, alle Bemühungen um mehr Transparenz, eine Modernisierung der Priesterausbildung und einen offeneren Umgang mit kirchlichen Missbrauchsfällen zu zerstören, die es während der vergangenen Jahre, wenn auch vielleicht nicht in ausreichendem Ausmaß, gegeben hat. Ohne einen raschen und massiven Eingriff in der Diözese St. Pölten droht die österreichische Kirche in eine existenzielle Krise zu schlittern.

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