- 09.07.2004, 18:00:09
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DER STANDARD-Kommentar: "Über den Toten nur Gutes"; von Samo Kobenter
Die Beurteilung Thomas Klestils wird weder seiner Arbeit noch seiner Rolle gerecht - Ausgabe vom 10./11.7.2004
Wien (OTS) - Begräbnisse laden nicht dazu ein, die Stunde der
wahren Empfindung zu zelebrieren. Im Fall des verstorbenen
Bundespräsidenten Thomas Klestil ist das nicht anders, es fällt bloß
die Diskrepanz zwischen der Beurteilung seiner Arbeit zu Lebzeiten
und der nach dem Ableben stärker auf, als es bei gewöhnlich
Sterblichen der Fall wäre.
Der ehemalige ORF-Generalintendant Gerd Bacher hat zu Recht auf die
Schamlosigkeit verwiesen, die besonders die Nachrufe jener
auszeichnet, die Klestils Politik und auch sein Privatleben bis zu
seinem Tod mit Häme und Spott bedacht haben. Mit derselben
Dreistigkeit, die an Klestils Arbeit zeit seines Lebens kaum etwas
Gutes ließ und ihn immer wieder an seine faktische Machtlosigkeit im
politischen Tagesgeschäft erinnerte, wurde dem Bundespräsident nach
seinem Tod eine Gloriole als staatliche Leit- und Vaterfigur
verpasst, was angesichts der verfassungsmäßig abgesteckten Grenzen,
an die er bei jeder seiner politischen Initiativen umgehend erinnert
wurde, besonders grotesk und verlogen wirkt.
Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, der bestimmt kein Freund des
Amtsverständnisses Klestils war, ist zumindest anzurechnen, dass er
ihn in seiner ausgezeichneten Rede bei der Gedenkveranstaltung im
Reichsratssaal als Menschen und Politiker würdigte, der sein Bestes
versucht hat und der nicht bereit war, sich mit weniger abzufinden
als er anstrebte.
Dennoch kann auch Schüssel der Vorwurf nicht erspart werden, mit
seinem Verweis auf die angebliche, klärende Aussprache, die er mit
Klestil kurz vor dessen Tod geführt haben will, den gerade
Verstorbenen als Kronzeugen für eine, dem Kanzler genehme Auslegung
der Geschichte angeführt zu haben.
Das ist ähnlich pietätlos wie die Gedenkrede von
Nationalratspräsident Andreas Khol, in der er Klestil für die
Errungenschaften der schwarz- blauen Regierung verantwortlich machte
- einer Regierung, die, wie jeder halbwegs der historischen Wahrheit
Zugeneigte weiß, Klestil bis zu seinem Lebensende mit äußerster
Skepsis beobachtet und beurteilt hat.
Abgesehen davon hat Khol in seinem Bestreben, die Leistungsbilanz
der Regierung als eine Klestils zu verkaufen, die Pläne der ÖVP im
Österreich-Konvent konterkariert, die Rechte und Pflichten des
Bundespräsidenten verfassungsmäßig neu zu fassen und zu definieren:
Wenn der Bundespräsident real tatsächlich so viel Gutes für das Land
tun kann, wie ihm Khol unterstellt, warum muss dann seine Funktion
eingeschränkt und noch stärker dem Parlament unterworfen werden als
dies ohnehin schon der Fall ist?
Auch die mediale Aufbereitung der letzten Tage Klestils ist zu
kritisieren, wobei das alle betrifft, die in diesem Geschäft tätig
sind: Selten wurde die Hilflosigkeit, Berichtenswertes von Peinlichem
zu trennen, so deutlich wie in der Mediensache Klestil.
Offensichtlich wirkt die räumliche Distanz auf das Erkennen des
Wesentlichen eher stärkend als abschwächend, und so fällt die
Beurteilung des Wirkens von Klestil im Ausland eindeutig präziser und
angemessener aus. Dort wird vor allem sein Bemühen um die
internationale Reputation Österreichs gewürdigt, seine Versuche,
Österreich als starken Mitspieler in der EU und als Vermittler im
Prozess der Osterweiterung zu etablieren, ohne darüber das Faktum zu
vergessen, wie gering sein Gewicht in den innenpolitischen
Auseinandersetzungen blieb - und angesichts des österreichischen
Umganges mit der viel zitierten "Realverfassung" auch bleiben musste.
Der in diesen Darstellungen angeschlagene Ton unterscheidet sich
angenehm von dem, der hierzulande zu vernehmen war.
Was von Klestils Amtszeit bleibt, wird man deutlicher wohl erst im
Vergleich mit seinem Nachfolger Heinz Fischer erkennen können. Das
ist zwar profan, erhöht aber immerhin die Chance, dem Staatsmann und
Menschen Thomas Klestil ein gerechteres Urteil zukommen zu lassen als
es derzeit möglich scheint.
OTS0233 2004-07-09/18:00
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