"Vorarlberger Nachrichen" Kommentar: "Leben, Heucheln, Sterben" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 10.07.2004

Wien (OTS) - Betroffen und betreten wurden wir in den letzten
Tagen Zeugen des Todeskampfes von Thomas Klestil. Wie ein Lauffeuer hat die Nachricht von seinem Herzstillstand am Montag Früh die Runde durchs ganze Land gemacht, Millionen bangten am Dienstag um sein Leben, mehr als doppelt so viel Menschen wie an normalen Tagen verfolgten die Mitternachts-ZiB, in der die Ärzte seinen Tod verkündeten. Beim heutigen Staatsbegräbnis sind neuerlich Rekord-Quoten zu erwarten.
Ist es nur Sensationsgier, die uns zu so unverschämt neugierigen Zeugen des öffentlichen Todes des Bundespräsidenten gemacht hat? Geben Politiker mit der Übernahme eines öffentlichen Amtes jeden Anspruch auf Privatleben auf - die Tränen der Witwe bei der Trauerrede im Parlament und am Sarg in Großaufnahme inklusive? Zählen nur noch Emotionen statt Fakten?
Zu Lebzeiten hat Klestil mit seinen Eheproblemen und seiner schweren Erkrankung im Jahr 1996 mit Sicherheit mehr mediale Aufmerksamkeit erregt als mit all seinen 130 Auslandsreisen zusammen. Ein Blick ins Ausland relativiert die Neugier: Bill Clinton ist primär wegen seiner Sexaffäre im Weißen Haus in Erinnerung, der Gesundheitszustand von Papst Johannes Paul II ist längst zum bestimmenden Thema der vatikanischen Berichterstattung geworden.
Man fragt sich nicht ganz zu Unrecht: Muss das sein?
In einer Zeit der geradezu zwanghaften multimedialen Präsenz vieler Politiker lautet die Antwort wohl: Ja. Wer seine Botschaften unters Volk bringen will, muss sich der Medien bedienen, und er (oder sie) muss in weiterer Folge dem daraus resultierenden Voyeurismus Tribut zollen. Auf dem schmalen Grat zwischen notwendiger oder zumindest akzeptabler Selbstvermarktung und Peinlichkeit sind allerdings nur die wenigsten wirklich trittsicher.
Denken wir nur an Vizekanzler Gorbach, der in Begleitung eines Fernsehteams und zahlreicher Fotografen in der Wiener Minoritenkirche eine Kerze für den im Sterben liegenden Bundespräsidenten anzündete. Da hätte es eine stille Minute des Gebets ohne Medienpräsenz auch getan. Oder denken wir an Finanzminister Grasser, der den Klatschpostillen derzeit gerade seine "neue große Liebe" andient. Vergessen wir auch jene nicht, die Klestil kürzlich noch heftigst kritisiert und nach seinem Tod geradezu verherrlicht haben.
Im Vergleich zu den Gepflogenheiten amerikanischer oder britischer Sensationsmedien leben wir dennoch geradezu auf einer Insel der medialen Seligkeit. Wer nicht von sich aus mit Klatschgeschichten an die Öffentlichkeit geht, bleibt weitgehend unbehelligt.
Weder von Wolfgang Schüssel noch von Heinz Fischer, Dieter Böhmdorfer oder Alexander Van der Bellen existieren so genannte "home stories". Ihrer Popularität tut das keinen Abbruch. Den zumindest teilweisen Verzicht auf Privatsphäre muss aber jeder akzeptieren, der ein öffentliches Amt bekleidet: Das ist ein Teil des Preises, der für Macht, Bekanntheit und Einkommen zu zahlen ist.
Wenn Ereignisse, Handlungen oder Unterlassungen die Politik beeinflussen, sind mediale Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit sogar Pflicht. Das gilt für den Gesundheitszustand von Politikern ebenso wie für ihr Verhalten.
Wer die Sensationsgier der Medien kritisiert, sollte allerdings eines bedenken: Ohne die korrespondierende Sensationsgier der KonsumentInnen würde es die einschlägigen Berichte nicht geben. Zuerst Fotos und Schlüssellochreportagen gierig zu verschlingen und sich dann über die Medien zu erregen, die uns damit versorgen, ist blanke Heuchelei.

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