SCHÜSSEL ZUM ABLEBEN KLESTILS: IN DER GESCHICHTE UNSERER REPUBLIK BLEIBT ER LEBENDIG

Gemeinsame Trauersitzung des Nationalrats und Bundesrats

Wien, 8. Juli 2004 (ÖVP-PK) Heute sollte die Stunde der feierlichen Amtsübergabe des scheidenden an den neuen Bundespräsidenten sein. So sieht es die Verfassung vor - und so entspricht es auch unseren Gefühlen des Respekts, der Anerkennung und der Dankbarkeit. Aber das, was wir "Schicksal" nennen, hat es anders gewollt: Aus einer Amtsübergabe in den Ruhestand ist auf tragische Weise ein Abschied für immer geworden. Erschüttert hat das ganze Land zwei Tage lang das Sterben unseres Staatsoberhauptes Dr. Thomas Klestil mitverfolgt. In großer Trauer sind wir nun hier versammelt, um ihn in der Stunde, in der seine Amtszeit auch offiziell zu Ende geht, zu verabschieden - als Bundespräsident und als Mensch. Das sagte heute, Donnerstag, Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel in der Trauersitzung des Nationalrats und des Bundesrats anlässlich des Ablebens von Bundespräsident Dr. Thomas Klestil. Schüssel dankte zudem dem neuen Präsidenten Dr. Heinz Fischer für seine Rede und versprach im Namen der Bundesregierung eine vertrauensvolle Zusammenarbeit im Interesse unserer Heimat. ****

"Auf den Tag genau zwölf Jahre sind vergangen, seit er hier vor der österreichischen Bundesversammlung den Eid auf unsere Verfassung abgelegt hat: Strahlend und voller Energie; welterfahren und doch mit einer Liebe zu seiner Heimat, in der er sich von niemandem übertreffen lassen wollte", so Schüssel. Hier habe er sich damals leidenschaftlich zu einem österreichischen Patriotismus bekannt, der "nicht auf Abgrenzung gegenüber anderen Völkern beruht, sondern auf der Verbundenheit mit Land, Stadt und Gemeinde, mit der eigenen Kulturlandschaft und Sprache, mit religiöser und menschlicher Zusammengehörigkeit", zitierte der Kanzler den verstorbenen Präsidenten Klestil.

Dieser Patriotismus - dieser "Stolz auf Österreich" - habe sein ganzes Leben geprägt. Mit unbeirrbarer Heimatliebe habe er unser Land und seine Menschen draußen in der Welt vertreten - auch an schwierigen Orten und zu schwierigen Zeiten. Für viele Menschen habe er so ein neues, geläutertes Österreich vertreten, das sich nicht nur zu den lichten, sondern auch zu den dunklen Stunden seiner Vergangenheit bekennt und aus ihnen gelernt hat. "Unvergesslich bleibt seine Fürsorge für Zehntausende jüdische Altösterreicher vor allem in Amerika, die durch ihn - und dank ihm - eine neue Nähe zum Land ihrer Eltern gefunden haben. Und unvergesslich bleibt auch sein Besuch in Israel - der historisch erste eines österreichischen Staatsoberhauptes nach dem Schrecken des Holocaust - und die enorme Herzlichkeit, die er in Jerusalem mit seinen Worten, seinen Gesten und auch seinen Tränen bewirkt hat", so der Kanzler.

"An jenem 8. Juli 1992, als Thomas Klestil hier angelobt wurde, standen Europa und Österreich noch ganz im Zeichen eines fundamentalen Wandels, wie ihn wohl niemand erwartet und erträumt hatte. Aus einer - vielleicht sogar manchmal komfortabel scheinenden - Randlage ist unsere Republik plötzlich zum Kernland eines offenen, noch ungeformten Kontinents Europa geworden. Hier in diesem Saal stand damals der soeben angelobte Bundespräsident - und er verpflichtete sich und uns, alles nur Menschenmögliche zur Um- und Neugestaltung Europas beizutragen. 'Wir können uns keine Selbstbezogenheit mehr leisten,' sagte er. 'Die Vorstellung, in glücklicher Abgeschiedenheit allein zu überleben, ist heute fern jeder Realität'", zitierte Schüssel.

Wenige hätten die Überwindung einer österreichischen Mentalität glücklicher Abgeschiedenheit und das Wiederentdecken alter Nachbarschaften so vorangetrieben wie Thomas Klestil. Seine Besuche an den und über die Grenzen, seine Einladungen, der sorgfältige Aufbau menschlicher Netzwerke, all das habe das heutige Mitteleuropa entscheidend mitgeprägt.

An jenem 8. Juli 1992 habe Bundespräsident Thomas Klestil hier zudem sein ganz persönliches Bekenntnis zu einer Mitgliedschaft Österreichs in der Europäischen Union abgelegt. "Je früher wir ihr angehören, umso eher können wir ihre Politik mitbestimmen", zitierte der Kanzler aus der Antrittsrede von Klestil. "Alle, die damals von der Richtigkeit dieses Weges nach Europa überzeugt waren, haben im Staatsoberhaupt einen leidenschaftlichen Mitkämpfer, alle noch Unsicheren einen aufmerksamen Zuhörer für ihre Sorgen und Ängste gefunden. Thomas Klestil war hier Motor und Mitgestalter, vielleicht auch Mediator und Seelsorger."

Jeder Tod, jedes Sterben eines Menschen, sei auch eine Botschaft -"eine Botschaft, die wir nicht immer entschlüsseln können - und die uns gerade deshalb so sprachlos und hilflos macht. Der Tod eines Staatsoberhauptes ist es wert, darüber in besonderer Weise nachzudenken. Selten haben wir Gefühle des Ausgeliefertsein, der Wehrlosigkeit, aber auch der Sehnsucht nach Geborgenheit so hautnah gespürt wie in diesen letzten Tagen. Das Sterben des Bundespräsidenten, des Menschen Thomas Klestil, hat uns schonungslos konfrontiert mit dem, wofür im Alltag meist kein Platz ist und was wir gerne verdrängen: dem Wissen um die Endlichkeit alles Lebenden, dem Wissen auch um unsere eigene Sterblichkeit. Mit seinem plötzlichen Tod hat uns Thomas Klestil in Erinnerung gerufen, wie eng die Grenzen sind für Wollen und Wirken und uns gezwungen, uns mit den letzten Fragen des an der Schwellestehens zwischen Leben und Tod auseinander zu setzen. Zugleich aber haben wir gespürt, wie unsere Nation in Stunden des Todes und Verlustes und der Trauer ein gutes Stück näher zusammenrückt. Das sollte über diesen Abschied hinaus auch nicht verloren gehen. Aus gemeinsamer Betroffenheit ist in diesen vergangenen Tagen dieses Gefühl der Verbundenheit und des Zusammenrückens gewachsen", so der Bundeskanzler.

"Wir alle hatten uns diesen Tag anders vorgestellt und geplant:
Wir wollten dem Bundespräsidenten nach zwölf Jahren verantwortungsvoller Arbeit für unser Land danken, ihm Glück und Freude für den Beginn einer neuen Lebensphase wünschen. Natürlich wussten wir um sein Krankheit. Aber da war auch unsere Hoffnung, dass die Befreiung von der Bürde des Amtes seiner Gesundheit gut tun würde, dass dem Pflichtenkorsett nun für ihn ein freieres Leben folgen würde. Jetzt sind wir gekommen, um Abschied zu nehmen von unserem Bundespräsidenten, vom Menschen Thomas Klestil. Er hatte ein großes Herz. Dieses Herz gebot ihm wohl auch, sich in diesem Land besonders derer anzunehmen, die von Sorgen und Ängsten beladen waren. In Zeiten rascher Veränderungen entstehen viele Verunsicherungen. Viele fragen sich, ob morgen noch gelten würde, was gestern selbstverständlich war. Thomas Klestil, dem Weltbürger, war klar, dass es in der modernen Welt keine Garantien mehr gibt, ja dass Garantien vielleicht zu jeder Zeit Wunschdenken waren. Aber er hatte ein offenes Ohr und ein offenes Herz für diejenigen, die sich überfordert fühlten, an den Rand gedrängt vorkamen, die sich fürchteten, mit ihren berechtigten Anliegen zu kurz zu kommen. Er tat, was immer in seiner Macht stand, um zu helfen, zu besänftigen, zu beruhigen und zu vermitteln."

Schüssel zitierte ein weiteres Mal aus der ersten Rede als Bundespräsident am 8. Juli 1992. Damals sagte dieser: "Die Politik braucht auch Menschen, die selbstlos für die res publica arbeiten, aus Liebe zu Österreich - und weil sie es als Ehre betrachten, dem Land zu dienen".
Schüssel: "Und sicher war er selbst einer von denen. Für diesen Dienst an Österreich - draußen in der Welt und zuhause in unserer Heimat - danken wir ihm. In der Geschichte unserer Republik, aber auch in unserem Gedächtnis bleibt er lebendig."
(Schluss)

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