Öffentliches Sterben

"Presse"-Glosse v.Michael Fleischhacker

Wien (OTS) - Das Drama um den Todeskampf des Bundespräsidenten hat die Frage nach dem angemessenen Umgang mit medizinischen Informationen aufgeworfen. Soll die Öffentlichkeit über alle Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten werden, jede Zwischenkrise und jede Zwischenstabilisierung mitbekommen?
Die Abwägung zwischen dem öffentlichen Interesse und dem Recht auf Privatsphäre hat in diesem Fall der Patient selbst getroffen: Thomas Klestil hat, wie der ärztliche Leiter des AKH berichtet, schon im Verlauf seiner bisherigen Spitalsaufenthalte klargemacht, dass er für Transparenz eintritt.
Eine kluge Entscheidung, die wohl auch die Frucht unangenehmer Erfahrungen ist: Die Spekulationen, die 1996 nach Klestils erstem Spitalsaufenthalt wegen "atypischer" Lungenentzündung auf den Sudelboulevard gelangten, gehören zum Schlimmsten, was dieses Land medial je gesehen hat.
Zu verhindern sind solche Auswüchse, wenn überhaupt, nur durch größtmögliche Transparenz. Sie schützt den Patienten und sein Recht auf Privatheit mehr als jeder Versuch der Geheimhaltung.
Auf Zurückhaltung zu hoffen ist in einer Medienwelt, die kein Tabu mehr kennt, aussichtslos: Wer ein öffentliches Leben führt, muss sich heute auch auf ein öffentliches Sterben gefasst machen.

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