- 06.07.2004, 16:36:25
- /
- OTS0158 OTW0158
WirtschaftsBlatt-Kommentar Was von Klestil bleibt
von Engelbert Washietl
Wien (OTS) - Thomas Klestil war in seiner präsidialen Laufbahn
anstrengend, vor allem auch sich selbst gegenüber. Das ist auf
tragische Weise nicht untypisch für jenen Teil seiner Biografie, der
das Kapitel "Erfüllung" enthalten sollte.
Seit am Montag die ersten Meldungen über den katastrophalen
Gesundheitszustand des Bundespräsidenten eintrafen, ist medial kein
Unterschied mehr zwischen Würdigung, kritischem Rückblick und
vorzeitigem Nachruf zu wahren. Schicksal und Kommentatoren spielen
den Grossen Zapfenstreich, der ihm versagt bleibt.
Eine zwölfjährige Amtszeit verläuft nicht spurlos im Sand. Über
sie hinaus bleibt:
Verfassungsmässige Prinzipien sind stärker als die einzelne
Persönlichkeit. Die Verfassung bietet ein wertvolles Gerüst -
besonders in Momenten, in denen politisches Temperament zum Versuch
historischer Weichenstellungen verführt.
Für Heinz Fischer und künftige Nachfolger in der Hofburg ist dank
Klestil evident, was frühere Staatsoberhäupter vielleicht instinktiv
spürten: Die Direktwahl des Bundespräsidenten durch das Volk erzeugt
ein starkes, aber sensibles und verwundbares Vertrauensverhältnis.
Davon steht nichts in der Verfassung, aber der Bundespräsident bleibt
dem Volk und dessen Vorschussleistungen eine Amtszeit lang
verpflichtet. Schon das Aufkommen eines Zweifels - sei es in der
Aussenpolitik oder in der privaten Lebenseinstellung - kann Vertrauen
beschädigen.
Das hohe Amt ist entzaubert worden. Der Vorgang war längst
überfällig. Allerdings werden Klestils Nachfahren bei aller Liebe zu
demokratischen Prozessen beachten, dass nicht der Boulevard mit der
Abfassung des Drehbuchs beauftragt werden darf.
Thomas Klestils eindrucksvoller Einsatz für Österreichs Rolle in
Zentraleuropa ist eine Aufforderung, mutig und aktiv in diese
Richtung weiterzugehen. Er hat früher und schärfer als manch anderer
Politiker erkannt, dass sich Österreich in dieser Region bewähren
muss und nicht in globaler Illusion.
Sobald Klestil als Berufsdiplomat handelte, war seine Analyse
verlässlich. Sie zeigt unserem Staat einen vernünftigen Weg, der sich
von der Neutralitäts-Nostalgie entfernt und zu mehr Sicherheit führt.
In diesem Moment verbieten sich kleinliche Beurteilungsversuche.
Klestils Amtsführung hat die Erwartungen, die die Österreicher in
dieses Amt setzen, auf Dauer verändert - und nicht zum Schlechteren.
OTS0158 2004-07-06/16:36
OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB






