WirtschaftsBlatt-Kommentar Was von Klestil bleibt

von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Thomas Klestil war in seiner präsidialen Laufbahn anstrengend, vor allem auch sich selbst gegenüber. Das ist auf tragische Weise nicht untypisch für jenen Teil seiner Biografie, der das Kapitel "Erfüllung" enthalten sollte.

Seit am Montag die ersten Meldungen über den katastrophalen Gesundheitszustand des Bundespräsidenten eintrafen, ist medial kein Unterschied mehr zwischen Würdigung, kritischem Rückblick und vorzeitigem Nachruf zu wahren. Schicksal und Kommentatoren spielen den Grossen Zapfenstreich, der ihm versagt bleibt.

Eine zwölfjährige Amtszeit verläuft nicht spurlos im Sand. Über sie hinaus bleibt:
Verfassungsmässige Prinzipien sind stärker als die einzelne Persönlichkeit. Die Verfassung bietet ein wertvolles Gerüst -besonders in Momenten, in denen politisches Temperament zum Versuch historischer Weichenstellungen verführt.

Für Heinz Fischer und künftige Nachfolger in der Hofburg ist dank Klestil evident, was frühere Staatsoberhäupter vielleicht instinktiv spürten: Die Direktwahl des Bundespräsidenten durch das Volk erzeugt ein starkes, aber sensibles und verwundbares Vertrauensverhältnis. Davon steht nichts in der Verfassung, aber der Bundespräsident bleibt dem Volk und dessen Vorschussleistungen eine Amtszeit lang verpflichtet. Schon das Aufkommen eines Zweifels - sei es in der Aussenpolitik oder in der privaten Lebenseinstellung - kann Vertrauen beschädigen.

Das hohe Amt ist entzaubert worden. Der Vorgang war längst überfällig. Allerdings werden Klestils Nachfahren bei aller Liebe zu demokratischen Prozessen beachten, dass nicht der Boulevard mit der Abfassung des Drehbuchs beauftragt werden darf.

Thomas Klestils eindrucksvoller Einsatz für Österreichs Rolle in Zentraleuropa ist eine Aufforderung, mutig und aktiv in diese Richtung weiterzugehen. Er hat früher und schärfer als manch anderer Politiker erkannt, dass sich Österreich in dieser Region bewähren muss und nicht in globaler Illusion.

Sobald Klestil als Berufsdiplomat handelte, war seine Analyse verlässlich. Sie zeigt unserem Staat einen vernünftigen Weg, der sich von der Neutralitäts-Nostalgie entfernt und zu mehr Sicherheit führt. In diesem Moment verbieten sich kleinliche Beurteilungsversuche. Klestils Amtsführung hat die Erwartungen, die die Österreicher in dieses Amt setzen, auf Dauer verändert - und nicht zum Schlechteren.

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