Geriatriezentren: Ärztekammer warnt vor Umwandlung in Pflegeheime

Dorner: "Es droht eine massive Verschlechterung der medizinischen Versorgung von multimorbiden und chronisch kranken Patienten in Wien"

Wien (OTS) - Die Wiener Ärztekammer ist verwundert über den Plan der Gemeinde Wien, Städtische Geriatriezentren in normale Pflegeheime umzuwandeln. Durch diese Umwandlung würde eine massive Verschlechterung der medizinischen Versorgung der betroffenen, meist multimorbiden und chronisch kranken, Pflegepatienten entstehen.****

"Die Folgen eines derartigen Vorschlags wären eine vermehrte Inanspruchnahme der ärztlichen Notfallversorgung sowie eine stärkere Belastung der Akutspitäler. Man würde dadurch den ärztlichen Bedarf nach geriatrischer Betreuung nur verlagern. Verbessern würde man die allgemeine Situation in Wien auf gar keinen Fall", bringt der Wiener Ärztekammerpräsident Walter Dorner die Sinnlosigkeit dieses Vorschlags auf den Punkt.

Schätzungen ergeben, dass sich beim Wegfall der derzeitigen ärztlichen Strukturen ein Mehrbedarf von mindestens 500 Akutsspitalsbetten ergeben würde. Der Hintergrund: Ein Geriatriezentrum unterliegt dem Krankenanstaltengesetz und sichert damit ärztliche Betreuung und intensive Pflege rund um die Uhr. In einem Wohn- oder Pflegeheim sind gesetzlich bindend nur fallweise Ärztinnen und Ärzte anwesend, "und das ist hier auch sinnvoll, da in Heimen durchgehend mobile und dem Alter entsprechend gesunde Menschen leben", so Dorner.

Ganz im Gegensatz zu den Geriatriezentren: "Hier haben wir es mit meist schwerstkranken und multimorbiden Patienten zu tun, die selbstverständlich permanente ärztliche Betreuung und Intensivpflege benötigen." Das dafür notwendige Personal sei in Pflegeheimen nicht ausreichend ausgebildet oder fehle gänzlich. Dorner: "Das wäre eine katastrophale Nivellierung nach unten und eine Patienten vernachlässigende Politik. Wozu sind all die politischen Ausschüsse und Lippenbekenntnisse gut, wenn dann so ein Unsinn dabei herauskommt." Statt der notwendigen Aufwertung der Geriatrie kommt es tatsächlich zu einer Leistungseinschränkung.

Ähnlich argumentiert auch Peter Fasching, Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie: Es sei in erster Linie zwischen Patienten, die nur fallweise eine ärztliche Behandlung benötigen, und jenen, die aufgrund einer schweren chronischen Erkrankung und/oder ihrer Multimorbidität auf einen permanenten spezialisierten ärztlichen Dienst angewiesen sind, zu unterscheiden. "Während die erste Personengruppe in entsprechenden Wohn- und Pflegeheimen untergebracht und gepflegt wird, ist für die Gruppe mit einer schwer wiegenden chronischen Erkrankung oder einem besonderen medizinischen Bedarf die interdisziplinäre Behandlung in Pflegeanstalten nach dem Krankenanstaltengesetz erforderlich."

Geriatriezentren als Krankenanstalten geführt

Die Wiener Städtischen Pflegeheime/Geriatriezentren mit ihren derzeit mehr als 5000 Betreuungsplätzen sind seit Jahrzehnten von ihrer Organisationsform als Pflegeanstalten mit einem permanenten arbeitsteiligen Dienst (Primariatsstruktur, mehr als 200 vollbeschäftigten Ärztinnen und Ärzte) Krankenanstalten analog geführt und auch als solche beim Gesundheitsministerium gemeldet. Im Wiener Landesrecht gelten sie aber als Pflegeheime.

Mehr Notarzteinsätze befürchtet

Christoph Gisinger, Referent für Geriatrie und Pflegeheime der Ärztekammer für Wien, definiert die negativen Auswirkungen, die sich durch den Wegfall der derzeit gegebenen 24-stündigen ärztlichen Betreuung in den Städtischen Geriatriezentren ergeben würden:

- Es würde zu einem vermehrten Bedarf an Notarzt- und Rettungseinsätzen durch die fehlende Arztpräsenz kommen.

- Durch den Wegfall der täglichen ärztlichen Visiten könnte es auch zu einem vermehrten Auftreten von Komplikationen kommen, weil Notsituation viel zu spät festgestellt werden würden.

- Wenn Patienten nur unregelmäßig und von wechselnden Ärztinnen und Ärzten behandelt oder auch nur untersucht werden, könnte es zu Fehleinschätzungen des Gesamtzustands und in weiterer Folge zu vermehrten, unnötigen Spitalseinweisungen kommen.

- Weiters ergebe sich eine fehlende Kontinuität in der Angehörigenbetreuung.

- Das im Heimgesetz vorgesehene Recht auf "freie Arztwahl" ist bei Patienten mit deutlich eingeschränktem Urteilsvermögen (beispielsweise bei Demenzkranken) de facto nicht gegeben beziehungsweise würde bei multimorbiden Patienten einen massiven Nachteil bei der Betreuung durch eine Schnittstellen-Problematik bedeuten.

Gisinger: "Eine Änderung der Struktur würde nicht nur zu einschneidenden Qualitätseinbußen in der Betreuung, sondern auch zu Mehrkosten durch Leistungsauslagerungen in kostenintensivere Bereiche, führen."

(Forts.)

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