"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Eine große Sorge" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 6. Juli 2004

Innsbruck (OTS) - Er hat die große Sorge zum geflügelten, oft auch von Spöttern verwendeten Wort gemacht. Und nun gilt sie ihm. Ärzte und andere sind in großer Sorge um den dramatisch verschlechterten Gesundheitszustand von Bundespräsident Thomas Klestil.
Er zahlt mit seiner Gesundheit, zu einem guten Teil wohl auch mit anderem Umständen seines Lebens, einen hohen, wahrscheinlich zu hohen Preis. Seit Jahren löst seine gesundheitliche Verfassung begründete Bedenken aus. Doch Bundespräsident Klestil kannte schon bisher keine Schonung seiner Person. Das schien er sich selbst, seinem Ehrgeiz, seiner Laufbahn und seiner Aufgabe als Staatsoberhaupt schuldig zu sein. Nur schwere Erkrankungen, die ihn an das Bett fesselten, hinderten ihn am Weg in die Hofburg. Und auch im Krankenhaus ist er seinen Amtsgeschäften nachgegangen.
Die Amtsübergabe an Nachfolger Heinz Fischer sollte unter angemesseren Umständen über die Bühne gehen als unter dem Vorzeichen einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Darauf hat ein jeder ein Recht, das hat er sich verdient. Allein, die Termine Klestils wurden vorerst abgesagt. Die manchmal zügel- und maßlos wirkende Hetzerei des politischen Geschäfts verlangt ihren Preis.
Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hat umgehend die Zuständigkeiten übernommen. Die geschriebene und die reale Verfassung sehen an der Spitze des Staates aus guten Gründen eine Teilung der Macht auf mehrere Organe vor. Die gesundheitliche Krise des Staatsoberhauptes wird keine Krise der Staatsgeschäfte auslösen. Die Verfassung wird sich bewähren. Vor allem, weil die handelnden Personen darauf bedacht sind. Nicht zuletzt die gegenwärtige Situation Klestils wird eine Mahnung sein, eben diese Lage nicht auszunutzen, sondern außerordentlich verantwortungsbewusst damit umzugehen. Auch das ist eine Sorge, aber die große gilt Klestils Gesundheit.

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