Strauss: "Wir brauchen mehr verantwortungsvolle ICHs"

Experten diskutieren den "Kult ums ICH"

Wien (Polak-PD) - "Wir brauchen viel mehr ICH in unserer Gesellschaft. Wir brauchen zupackende ICHs - die etwas für den eigenen und für den Nutzen der Gesellschaft gestalten wollen", präzisierte die Unternehmensberaterin und Autorin Nicolette Strauss eine Zielforderung an die Gesellschaft. Unter der Leitung von "Furche"-Redakteur Rudolf MITLÖHNER diskutierten weiters noch "ZEIT"-Autor Christian SCHÜLE und der Autor und Therapeut Michael MARY heute Vormittag beim Sommercampus der Politischen Akademie in Wien-Meidling den "Kult ums ICH".

Strauss: ICH-AG rehabilitieren

Autorin Nicolette Strauss plädierte dabei für eine Rehabilitation der gerade in Deutschland vieldiskutierten - und zum Unwort des Jahres gekürten - ICH-AG. "Wir brauchen viel mehr ICH in unserer Gesellschaft. Wir brauchen zupackende ICHs, die etwas für den eigenen und für den Nutzen der Gesellschaft gestalten wollen", sagte Strauss. Die Diskussion um die ICH-AG müsse daher entideologisiert werden. Jeder Mensch sei dafür verantwortlich und solle daran arbeiten, "seine Talente kraftvoll und sinnvoll einzusetzen, damit er ein zupackendes und mündiges Mitglied der Gesellschaft wird", forderte die Autorin. Man brauche nicht mehr Menschen, die "nur über die Verhältnisse jammern". Eine Gesellschaft hingegen, in der viele verantwortungsbewusste ICH-Unternehmer an der Weiterentwicklung der Welt arbeiteten, sei eine lebenswertere Gesellschaft, erklärte Strauss.

Schüle: Abhängigkeit von Motivationstrainern

ZEIT-Autor Christian Schüle kritisierte, dass heute die Idee des Sozialen abhanden gekommen sei. Der Einzelne lebe in spiritueller Haltlosigkeit. Motivations-Coaches hätten die Rolle der archaischen Priester übernommen, die den Einzelnen zum ICH aufrüsteten. Dies münde in eine Abhängigkeit der Menschen von Motivationstrainern. Schüle ortet eine neue Bewegung - eine Art "spirituellen Erwachens, die Realitätsverweigerung und Zivilisationskritik in Einem ist."

Mary: Zu dumm, um glücklich zu sein?

Der Autor und Therapeut Michael Mary kritisierte den Machbarkeits-glauben als neue Religion. Die neue Glückserwartung werde mit Selbstgestaltung in Verbindung gebracht. Wer es nicht schaffe, glücklich zu sein, der sei offenbar zu dumm dafür, erklärte Mary unter Verweis auf die zahlreichen Ratgeber, mit denen man angeblich Glück erlernen können solle. Der Glaube, die Innenwelt gestalten zu können, basiere auf der Vorstellung, dass man das Unbewusste abschaffen könne, kritisierte der Therapeut.

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