Bundeskanzler Schüssel beim Sommercampus-Auftakt: Europa zur zivilen Großmacht machen

"Think-tank" startete mit Schüssel, Sloterdijk und Schwarzenberg

Wien (OTS) - "Die Zeit der großen europäischen Ideen, der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Solidarität, ist jetzt erst gekommen. Für ihre Verwirklichung braucht es einen gewissen materiellen Unterbau - eine urchristliche Idee", sagte der Bundeskanzler gestern Abend bei der Open-air-Eröffnung des Sommercampus der Politischen Akademie im Springer Schlössel in Wien-Meidling, zu der Direktor Dr. Günther Burkert-Dottolo weit mehr als 300 Gäste aus dem In- und Ausland begrüßen konnte. Auch Havel-Berater Karl Schwarzenberg und der Philosoph Peter Sloterdijk beteiligten sich an der "Suche nach der Ordnung in Politik und Gesellschaft".

Schüssel für "vernünftigen Streit"

In seinen Ausführungen hob Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel die europäischen Erfolge im Rahmen des europäischen Veränderungsprozesses - die EU-Erweiterung, den Verfassungsvertrag und die Wahlen zum Europäischen Parlament hervor. Schüssel: " Die Zeit der großen europäischen Ideen, der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Solidarität, jetzt erst gekommen. Für ihre Verwirklichung braucht es einen gewissen "materiellen Unterbau". Das ist eine urchristliche Idee. Er sprach sich dafür aus, die "Dinge in Europa nicht einfach durchzuwinken". Es brauche offene Diskussionen. Als Beispiel nannte er die Notwendigkeit einer offenen Diskussion über die wichtigsten Ziele der neuen EU-Kommission. "Eine solche Diskussion tut der europäischen Sache gut. Europa hält einen vernünftigen Streit aus", sagte der Bundeskanzler. Er plädierte für eine "Rückkehr der europäischen Bürger an die Wahlurnen." Europa müsse seine "alten Ideen neu polieren und interpretieren." Dann könne es zu einem "Leuchtturm", zu einer globalen zivilen Großmacht werden, so Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel.

Burkert-Dottolo: Chancen von Veränderungsprozessen

"Eckpfeiler einer zeitgemäßen Veränderungskultur zu diskutieren" sei das Ziel des Sommercampus, betonte der Direktor der Politischen Akademie, Dr. Günther Burkert-Dottolo. Er wandte sich gegen die in der Wissenschaft vorherrschenden Krisendiskussionen. Krisen seien als Wendepunkte zu verstehen. Der Sommercampus wolle nicht in eine "negative Krisendiskussion verfallen", sondern werde Chancen und Lösungen von Veränderungsprozessen aufzeigen. Burkert-Dottolo kündigte an, die Politische Akademie der ÖVP werde einen ständigen Kreis von Experten, Referenten und Politikern etablieren, um die Diskussionen der neuen Campus-Reihe gezielt weiterzuführen.

Sloterdijk: Gelangweilte Europäer

Der Philosoph Peter Sloterdijk entwickelte in seinem Referat ein "Bild der Gesamtlage", innerhalb derer man heute die Frage nach der Ordnung von Politik und Gesellschaft stellen müsse. Er betonte den europäischen Lern- und Veränderungsprozess weg von einer imperialen Tradition hin zu einer zivilen Erfolgsgeschichte. "Heute lebt die dritte Generation postimperialer Menschen, die sich den typischen Identitätsproblemen stellen muss, die sich für Menschen ergeben, deren existenzielles Drehbuch umformuliert wurde", sagte der Philosoph. Die Europäer hätten das Abenteuer gewagt, das "Glücksversprechen zu zivilisieren". Dies sei der "tiefste Kern Europas", der die Menschen heute aber "leider zutiefst langweilt." Man sei vom "Banalisierungseffekt" des europäischen Erfolges "überrumpelt". Dieser Problematik könne man aber abhelfen, meinte Sloterdijk.

Es zeichne sich ein neuer europäischer Ethos ab, der mit dem Begriff der "Dichte" zusammenhänge. "Wir stellen von einem Ethos der unilateralen Expansion auf ein multilaterales Zuvorkommen um. Europa ist der rücksichtsvollste Raum der Welt", fügte Sloterdijk hinzu. Die Europäer gehörten einem großen Zivilisations-zusammenhang an, der heute anfange "aus historischer Brechung in die eigene Vergangenheit zurückzublicken," sagte der Philosoph. Die Europäer könnten sich leider nicht einigen, welche Art von Reichtum sie erbten. Das Problem, wie man das europäische Erbe definiere, sei noch nicht ausreichend beantwortet. Dies hätten auch die Diskussionen um das christliche Erbe in der europäischen Verfassung gezeigt. Man wisse nicht, wie ein europäisches Totemtier aussehe, das die "europäische Glücksgeschichte symbolisieren kann." Sloterdijk: "Die Totemdesigner sind aufgerufen, sich ein Geschöpf zu ersinnen, in dem wir die eigenen sphinx schen Qualitäten auszudrücken Lust haben."

Schwarzenberg: Amerikanisch-europäischer Großraum

Karl Schwarzenberg, der ehemalige Berater von Präsident Vaclav Havel, lobte die Themensetzung des Sommercampus der Politischen Akademie der ÖVP. Die großen Veränderungen in Europa hätten mit dem Jahr 1989 begonnen. "Wir sind am Weg, und wissen eigentlich nicht, wohin. Wir haben heute viel weniger eine Vorstellung von Europa als die europäischen Gründungsväter. Uns fehlt die große Idee", sagte Schwarzenberg. Diese werde heute durch Aktivismus ersetzt. Schwarzenberg stellte der kurzen amerikanischen Verfassung den "fünf Kilometer langen" europäischen Verfassungsvertrag gegenüber. "Die Vorstellung eines Verfassungspatriotismus erscheint weit hergeholt", erklärte er. Das wahre Problem der europäischen Sinn- und Identitätsfindung liege im Fehlen einer Vision und Idee. Ohne neue Idee gebe es keine neue Identität. So könne es sein, dass wir künftig "im Sinn einer imperial partnership mit den Vereinigten Staaten in einem großamerikanisch-europäischen Raum leben werden", argumentierte Schwarzenberg. Die jüngere Generation entwickle sich in diese Richtung. Er ortete eine "Ökumene, die von San Francisco bis an die östliche Grenze der Türkei" reiche. Die eigene Kultur schwinde "noch schneller als unsere Gletscher". Schwarzenberg kritisierte zudem das Fehlen des christlichen Bezugs im neuen Verfassungsvertrag, "obwohl dies das einzige ist, was die Menschen vom Baltikum bis Sizilien verbindet." Der Veränderungsprozess laufe nach dem Motto von Qualtingers "Wilden" ab: Wir wüssten zwar nicht, wo wir hinwollten, wollten aber dafür umso schneller dort sein, bilanzierte er.

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