"Kleine Zeitung" Kommentar: "Dutroux: Befreiungsschlag, der viele Fragen offen lässt" (Von Michael Jungwirth)

Ausgabe vom 23.6.2004

Graz (OTS) - Wie beim Kennedy-Mord tobt auch um Dutroux ein Glaubenskrieg.

Marc Dutroux wird wohl sein restliches Leben hinter Gitter verbringen. Acht Jahre nach den schrecklichen Enthüllungen hat die Justiz den belgischen Kinderschänder zu lebenslanger Haft verurteilt.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht in Belgien. Das ganze Land hatte Anteil genommen am Schicksal der verschwundenen Mädchen. Als dann bekannt wurde, die Mädchen hätten gerettet werden können, hätten die Behörden nicht so schlampig gearbeitet, stand das Königsreich 1996 am Rande des Volksaufstandes.

Der Zorn der Belgier mündete in den legendären weißen Marsch, der eine halbherzige Reform von Polizei und Justiz nach sich zog. Dass die Belgier ein Volk von Kinderschändern sind, kann nur das Resultat einer krankhaften Phantasie sein.

Vielen Belgiern fiel gestern ein Stein vom Herzen. Der Schuldspruch scheint vorerst das Land von einem Trauma erlöst zu haben. Im Gerichtssaal waren denn auch die Nerven aller zum Zerreißen gespannt. Stephane Goux, der vorsitzende Richter, meinte abschließend voller Sarkasmus, Dutroux habe wohl ein günstigeres Los gezogen als seine im Keller verhungerten Opfer.

Besonders aufgekratzt wirkten nach dem Urteil die beiden Überlebenden des Dutroux-Martyriums sowie die Hinterbliebenen der verstorbenen Kinder. Acht Jahre lang lebten sie in Ungewissheit und in einem psychischen Schwebezustand. Nun besteht erstmals die Chance zur Trauerarbeit.

Doch in diesen nationalen Befreiungsschlag mischt sich auch Hilflosigkeit. Unbeantwortet ist geblieben, ob Dutroux auf eigene Faust gehandelt hat oder ob er Teil eines größeren Netzwerkes war. Dieser Aspekt ist in Belgien fast schon zu einer Glaubensfrage geworden, und die Diskussion landauf, landab erinnert fatal an den Kennedy-Mord und die damit verbundene Frage, ob ein Einzeltäter oder ein Komplott dahinter steckte.

Ob im Falle Dutroux jetzt das Höchstmaß an irdischer Gerechtigkeit erreicht ist oder ob das Urteil ein gewaltiges Ablenkungsmanöver darstellt, um von den eigentlichen Hintergründen abzulenken, bleibt offen. Wer an Verschwörungen glaubt, hat die Antwort bereits parat. Wer die Wahrheit sucht, tappt weiterhin im Dunkeln.

Im Unterschied zu den Österreichern haben die Belgier den Glauben an den Staat verloren. Nur wenige hegen die Hoffnung, dass sich eines Tages alles restlos aufklären wird. Was fortlebt, ist das Grauen angesichts der menschlichen Psyche, die fähig ist, vier Mädchen im Keller des eigenen Hauses verhungern zu lassen. ****

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