"Kleine Zeitung" Kommentar: "Jörg Haiders Fanclub will wieder heim nach Knittelfeld" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 16.06.2004

Graz (OTS) - Bei hellem Tageslicht gehen schon die Gespenster um:
Ewald Stadler, der blaue Pfründner in der Volksanwaltschaft (obwohl seine Partei längst nicht mehr Anspruch auf diesen Posten hätte), rekrutiert wieder die letzten Recken. Wie schon vor zwei Jahren, als er die Unterschriften für die Einberufung eines Sonderparteitages sammelte. Der wurde zwar nicht abgehalten, doch genügte allein die Drohung: In Knittelfeld, wo sich Stadlers Delegierte zusammenrotteten, wurde Susanne Riess-Passer gestürzt und die schwarz-blaue Koalition in die Luft gesprengt.

Seither ist Knittelfeld das Stichwort für die Selbstverstümmelung der FPÖ. Der Putsch gegen die Parteiobfrau und Vizekanzlerin beschleunigte den Niedergang. Aus dem Abwärtstrend wurde ein Sturzflug. Bei den vorzeitigen Neuwahlen kam es zur Massenflucht. Die Blauen verloren fast zwei Drittel ihrer Wähler.

Deshalb verwundert es, dass jemand überrascht sein konnte vom Abschneiden der FPÖ bei der EU-Wahl. Die letzte EU-Wahl lag schon eine Ewigkeit zurück. Vor fünf Jahren marschierte Jörg Haider noch auf der Straße des Erfolgs. Mit seiner radikalen und rabiaten Oppositionspolitik rückte er den beiden ehemaligen Großparteien, die sich ängstlich aneinander klammerten, immer näher.

In Knittelfeld hat es die FPÖ, die die Spannungen zwischen Regierungsverantwortung und Oppositionsgelüsten nicht ausgleichen konnte, zerrissen. Von den 27 Prozent der Nationalratswahlen 1999 blieben bei den Neuwahlen 2002 gerade noch 10 Prozent übrig. Bei allen folgenden Landtagswahlen mit Ausnahme von Kärnten schaffte die FPÖ nicht einmal diese Marke. Dass es bei der EU-Wahl 2004 lediglich zu sechs Prozent reichte, entsprach angesichts der Konkurrenz durch Hans-Peter Martin, der den Blauen das Privilegienthema wegschnappte, dem Trend.

Wer jetzt nach einer Neugründung der Partei ruft, hat andere Motive. Stadlers Spießgesellen, vom EU-Abgeordneten Andreas Mölzer bis zu Harald Fischl und dessen Jörg-Fanclub, geht es um einen persönlichen Rachefeldzug unter dem Mantel deutschnationaler Ideologie. Schon einmal waren die Gefühle stärker als die Vernunft. Knittelfeld hat auch Haider schwer beschädigt. Er brauchte lange, um sich zu erholen. Die FPÖ hat keine andere Wahl, als die nochmals eingegangene Regierungsbeteiligung durchzutragen.

Ein zweites Knittelfeld würde die Partei nicht überleben. Der harte Kern der FPÖ ist zu klein, um überhaupt ins Parlament zu kommen. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001