"DER STANDARD"-Kommentar: "Was ist noch bürgerlich?" von Conrad Seidl

Ausgabe von morgen

Wien (OTS) - Seit zwei Jahrzehnten laufen der Volkspartei die städtischen Wähler in hellen Scharen davon: An die FPÖ hat die ÖVP in den Achtziger- und Neunzigerjahren etwa doppelt so viele Anhänger abgeben müssen wie die SPÖ. Und die Grünen konnten in die Reihen der Schwarzen mindestens ebenso stark einbrechen wie in die der Roten.

Dass das gelungen ist, hängt viel mit dem geänderten Lebensgefühl der ehemals bürgerlichen Kreise zusammen. In seiner ersten Wahlkampagne vor 26 Jahren konnte der damalige Wiener VP-Chef Erhard Busek noch an bürgerliches Lebensgefühl appellieren: Es war Busek, der die Wiener Beiselkultur gegen eine auf starre Sperrstundenregelungen erpichte Verwaltung durchsetzte. Die Bilder waren lustig und treffend: Bunte Vögel machten einer verschnarchten Rathausbürokratie Beine.

Verstanden wurde damals auch noch eine andere Botschaft: der Kampf der Wiener ÖVP um mehr Grünraum, um Bäume, Parks, Kinderspielplätze -denn damals hatten bürgerliche Familien noch mehrere Kinder. Und es ist ein eingeübter bürgerlicher Reflex, dass es den Kindern gut gehen soll. Den eigenen Kindern wohlgemerkt. Nicht aber denen aus "anderen Kreisen". Man sagt nicht laut, dass man die Kinder von Zuwanderern lieber ausschließen würde, die jetzt in denselben Parks spielen, die Busek seinerzeit in medienwirksamen Aktionen eigenhändig vom Dreck befreite und mit frischem Grün bepflanzte.

Das ist das Kernproblem der Bürgerlichen: Anders als auf dem Land, wo die Deutungshoheit des Bauernbunds unbestritten ist, trauen sie sich in den Städten nicht mehr, genau auszusprechen, für wen (und gegen wen) sie Politik machen. Aus Sorge, ihnen könnte Klientelpolitik vorgeworfen werden, denken sie nicht einmal mehr nach, wie sie einer bürgerlichen Klientel nutzen könnten. Daher gehen ihre potenziellen Wähler zu denen, die ihr Angebot klarer formulieren.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001