"Die Presse" Glosse: "Alles zerstört, nichts gerettet" (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 11.6.2004

Wien (OTS) - Kann es sein, dass der politischen Klasse dieses
Landes knapp vor Ende des EU-Wahlkampfes doch noch dämmert, was sie da während der vergangenen Wochen angerichtet hat? Schwer zu sagen. Dass die polit-kulturellen Rettungsversuche formal auf erstaunliche Weise dem vorangegangenen Zerstörungswerk gleichen, zeigt jedenfalls, dass auch die antrainierten Chamäleon-Fähigkeiten des Politikers ihre Grenzen haben.
Jörg Haider zum Beispiel erklärte uns gestern, er habe "natürlich" nie jemandem die Staatsbürgerschaft aberkennen wollen. Man geht dann wohl auch nicht weit fehl mit der Annahme, dass er sich bei denen, die er jetzt für den Fall, dass sie persönlich beleidigt gewesen seien, um Entschuldigung gebeten hat, "natürlich" nicht wirklich entschuldigen wollte. In diesem Punkt unterscheidet sich seine Pseudo-Zerknirschung nicht von jener, die Josef Broukal nach seinem "Nationalsozialisten"-Auszucker im Nationalrat zum Vortrag brachte. Auch Wolfgang Schüssels späte Einsicht, dass Haiders "Landesverräter"-Wortwahl "unannehmbar" sei, will nicht so recht überzeugen: Als es nicht "seinen" EU-Kommissar, sondern den SPÖ-Spitzenkandidaten traf, begnügte sich der Kanzler noch mit dem eleganten Hinweis, das sei nicht seine Diktion.
Einzig Alfred Gusenbauer scheint zu spüren, dass nach der Stampede der Elefantenherde durch den Porzellanladen der politischen Kultur ohnehin nichts zu retten ist. Obwohl seine Behauptung, die Regierungsparteien hätten im Parlament für "Pogrom"-Stimmung gesorgt, die ärgste Entgleisung der vergangenen Tage gewesen ist, hat er auf öffentliche Selbstkritik großzügig verzichtet.
Sieht aus, als würde am Wahlsonntag auch darüber entschieden, was es mit der alten These "Frechheit siegt" auf sich hat.

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