"Kleine Zeitung" Kommentar: "Broukal und Gusenbauer: Wie sich die SPÖ ins Unglück reitet" (von Hans Winkler)

Ausgabe vom 08.06.2004

Graz (OTS) - Die SPÖ könnte einem Leid tun. Kaum geht es ihr ein bisschen besser und sie gewinnt einige Wahlen, tut sie selbst alles dazu, sich wieder um ihren Erfolg zu bringen und die nächste Wahl, die sie vielleicht hätte gewinnen können, vielleicht zu verlieren. Alle Beteiligten arbeiten daran jedenfalls nach Kräften mit.

Die Erfahrenen in der SPÖ ahnten, was ihnen bevorstand: Während der beiden Auftritte von Josef Broukal im Nationalrat am letzten Freitag wurde das Gesicht von Alfred Gusenbauer immer besorgter. Josef Cap musste ans Rednerpult eilen, um ziemlich gequält etwas zu entschuldigen, was nicht zu entschuldigen war.

In der anschließenden Präsidialsitzung blieb der SPÖ nichts anders übrig, als sich der Verurteilung Broukals anzuschließen. Heinz Fischer war sein Unglück darüber deutlich anzumerken. Nach über 40 Jahren im Parlament dürfte er sich auch einen schöneren Abgang gewünscht haben.

Broukal wusste natürlich, was er tat, als er, auf die Ränge der beiden Regierungsparteien zeigend, ausrief: "Es ist Ihnen unbenommen, den Nationalsozialisten nachzutrauern." Er ließ sich nachher von Einzelnen im SP-Klub bejubeln und von seinen Freunden beglückwünschen.

Der wahre Verlierer in der SPÖ ist der Parteivorsitzende selbst. Er hatte sich gegen den Aufstieg Broukals vergeblich gewehrt, denn offensichtlich kannte er das Risiko, das der verwöhnte, ehrgeizige und zu Alleingängen neigende Medien-Star bedeutete.

Das hat nicht nur mit persönlichen Aversionen zu tun. Gusenbauer muss fürchten, dass Broukal und seine hochmögenden Freunde die SPÖ auf einen linkspopulistischen Kurs bringen, mit dem sie nur verlieren kann.

Broukal zu entlassen, dazu war Gusenbauer nicht stark genug, außerdem musste er sich als Parteichef reflexartig vor den Angegriffenen stellen. Nach dem Wahltag würde man weitersehen. Sollte es für die SPÖ schlecht ausgehen, wäre in Broukal der Schuldige gefunden gewesen.

Dabei ist Gusenbauer nun vollkommen entgleist. Ein Mann wie er, Parlamentarier, Klubobmann und potenzieller Regierungschef, muss seine Worte abwägen können und wissen, was er sagt: "Pogrom" bezeichnet ganz präzis eine planvolle Vernichtungsaktion gegen Juden. Auch wenn es nur als Vergleich gedacht war, ist der verbale Fehlgriff verheerend.

Gusenbauer und Broukal sind nun auf fatale Weise "quitt". Die Häme der Regierungsparteien darüber ist verständlich, aber auch nicht nur edel. ****

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