"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der D-Day, die USA und Europa: Erinnerungen an die Zukunft" (von Hans Winkler)

Ausgabe vom 05.06.2004

Graz (OTS) - Es scheint schon eine halbe Ewigkeit her zu sein und dennoch ist das Ereignis politisch ganz gegenwärtig. Vom 6. Juni 1944 an haben Soldaten der Alliierten innerhalb weniger Monate im westlichen Europa die deutsche Wehrmacht nieder gerungen.

Es ist notwendig und auch gar nicht zu pathetisch, daran zu erinnern, dass zehntausende junge Amerikaner ihr Leben für die Freiheit Europas geopfert haben. Die USA hätten in den Krieg nicht eintreten müssen.

Der Krieg war aber noch nicht beendet, da zeichnete sich am Horizont schon ab, was über die nächsten 45 Jahre das Schicksal Europas und Amerikas bestimmen sollte. Aus dem amerikanischen Engagement in Europa erwuchs eine Allianz, die zunächst durch die sowjetische Bedrohung erzwungen wurde, mehr und mehr aber als die "Wertegemeinschaft" des Westens erfahren wurde.

Der D-Day kann nicht begangen werden, ohne dass ein Blick auf den heutigen Zustand dieser Allianz geworfen wird. Sind die schweren Zerwürfnisse nur eine vorübergehende Störung, ausgelöst durch die Politik der gegenwärtigen US-Administration und vom Stil des Präsidenten George W. Bush seit dem 11. September und im Irak, oder hat das Bündnis mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums seine "Geschäftsgrundlage" verloren?

Ausgerechnet die französische Verteidigungsministerin sieht die Erinnerung an den D-Day als Anlass, die Beziehungen Europas zu den USA zu reparieren. Wenn sie "mehr Herzlichkeit und Verständnis" in den USA für die französische Position verlangt, dann muss das freilich auch umgekehrt gelten. Henry Kissinger, der Europa, seine Geschichte und geistige Verfassung bei Gott kennt, hat sich entsetzt über die Maßlosigkeit des europäischen Anti-Amerikanismus gezeigt.

Sollten die Europäer eine grundsätzlich andere Politik formulieren und ihre Interessen im Gegensatz zu den USA definieren, so Kissinger, würde das zu einer Situation vergleichbar zu der vor dem 1. Weltkrieg führen, nur eben in globalem Maßstab.

Zweifellos hat die amerikanische Politik der letzten Jahre Züge, die für Europäer unerträglich und unakzeptabel sind. Das dürfen und müssen sie kritisieren.

Es wäre aber eine Illusion zu glauben, die berechtigte Empörung über den "Unilateralismus" der USA sei auch schon eine andere tragfähige Politik. Europa und die USA bleiben aufeinander angewiesen, es gibt bei der derzeitigen militärisch-politischen Verfassung Europas jedenfalls keine Alternative zum gemeinsamen "Westen". ****

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