"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Fürsorge statt Pflege" (Von Gabriele Starck)

Ausgabe vom 3. Juni 2004

Innsbruck (OTS) - Lainz schon wieder: Vor 15 Jahren wurde bekannt, dass dort Stationsgehilfinnen 42 Menschen getötet hatten. Vergangenen Herbst wurden schwere Pflegemissstände aufgedeckt, am Montag fand man einen seit zwei Monaten vermissten Patienten verwest am Dachboden. Ist Lainz gleichbedeutend mit Anstaltshorror und Pflege-Skandal? Nein. Vielmehr ist Lainz ein Abbild für den Fehler im System an sich. Dringen Tragödien wie der Tote vom Dachboden oder die vor wenigen Monaten in Innsbruck erfrorenen Altenheimbewohner ans Licht der Öffentlichkeit, ist die Politik immer rasch mit Reaktionen zur Stelle: Lainz schließen, ein Heimgesetz erlassen, die Patienten elektronisch überwachen, die Verantwortlichen bestrafen und so weiter.
All das verhindert das nächste Lainz nicht. Dazu ist ein grundsätzlich anderer Ansatz notwendig: Menschen, die aus welchem Grund auch immer hilflos sind, darf nicht nur Pflege, sondern muss auch Fürsorge und Wertschätzung entgegengebracht werden. Das schafft kein Gesetz, keine Strafandrohung und schon gar keine Maschine. Hier kann nur der Mensch dem Menschen helfen.
Daher müssen soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz gefördert und Berufsfelder im Pflegebereich aufgewertet werden. Die Stärken und Leistungen müssen finanziell wie auch im Ansehen entsprechend gewürdigt werden. Doch das widerspricht unserer Denkweise im Zeitalter des technischen Fortschritts und der Rationalisierung, der Leistungsgesellschaft und der Budgetknappheit.
Zeit und Geld für Menschlichkeit aufzubringen, ist ein unpopuläres Ansinnen. Genau das sollte sich eine moderne Gesellschaft aber leisten und wird es sich angesichts der fortschreitenden Überalterung künftig leisten müssen, wenn sie sich nicht nur technisch, sondern auch menschlich weiterentwickeln will.

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