"DER STANDARD"-Kommentar: "Der Ölpreis ist nicht hoch genug" von Eric Frey

Teurere Energie fördert Innovation und Klimaschutz - und sichert die Versorgung ab - Ausgabe vom 2.6.2004

Wien (OTS) - Der Ölschock von 1973 war eines der Schlüsselereignisse des 20. Jahrhunderts. Mit der Vervielfachung der Erdölpreise ging in den Industriestaaten die Nachkriegsära mit ihren kräftigen Wachstumsraten, Vollbeschäftigung, Preisstabilität und sozialer Kohäsion zu Ende. Es begann die Zeit der schwierigen und oft unpopulären Entscheidungen der Wirtschaftspolitik, die schließlich in der Abkehr vom Keynesianismus und dem universalen Sozialstaat mündeten. Mit dem zweiten Ölschock von 1980 stürzten die Entwicklungsländer in eine Schuldenkrise, die viele bis heute nicht überwunden haben. Billiges Öl gilt seither als Grundlage für Wohlstand und eine gesunde Weltwirtschaft; der jüngste Anstieg des Ölpreises, der durch den Terroranschlag in Saudi-Arabien weiter an Fahrt gewonnen hat, wäre demnach ein Grund zu großer Sorge.

Tatsächlich tut jeder Anstieg des Ölpreises weh: Nicht nur das Tanken wird teurer, sondern auch das Heizen, die Industrieproduktion und indirekt damit alles, was wir konsumieren. Gleichzeitig wächst die Wirtschaft langsamer; die Zentralbanken stehen dann vor der schwierigen Wahl, mit höheren Zinsen gegen die höhere Inflation oder mit niedrigeren Zinsen gegen steigende Arbeitslosigkeit vorzugehen. Ein Rückgang im Ölpreis ist hingegen ein Geschenk des Himmels für alle, die nicht selbst Öl produzieren.

Dennoch sind Panikrufe fehl am Platz. Auch bei 40 Dollar pro Fass kostet das Öl immer noch halb so viel wie vor 20 Jahren, wenn man nämlich die inzwischen gestiegenen Preise berücksichtigt. Aber selbst bei einem Preis von 80 Dollar wäre eine globale Rezension nicht unausweichlich. Die Abhängigkeit der Industriestaaten vom Ölpreis ist in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Dank neuer rohstoffsparender Produktionstechniken, dem Siegeszug der Informationstechnologie und der wachsenden Bedeutung von Dienstleistungen reagiert die Konjunktur heute weniger sensibel auf Ölpreissteigerungen als am Höhepunkt des Industriezeitalters.

Für Pendler und Frächter ist teures Benzin natürlich ein Problem, für die Allgemeinheit aber ergeben sich langfristige Vorteile: Höhere Energiekosten stärken die Innovationsbereitschaft und führen zu neuen, produktiveren Technologien. Sie vermindern Transportwege und verringern so die Verkehrsbelastung. Anders als das politisch undurchführbare Kioto-Protokoll leisten sie einen echten Beitrag gegen den Klimawandel. Wer diese Ziele ernst nimmt, muss auf einen weiteren Ölpreisanstieg hoffen.

Auch die Sicherung unserer Energieversorgung wird nur durch höhere Preise garantiert. Bei einem Fasspreis über 40 Dollar werden plötzlich Quellen für die Förderung attraktiv, die bei niedrigen Kursen unrentabel sind, etwa die riesigen Vorräte an kanadischem Ölsand oder Ölquellen unterm Meeresgrund. Bei entsprechenden Preisen werden der Welt die fossilen Energieträger nicht ausgehen. Dabei steigt zwar der Reichtum der Ölländer am Golf, aber dafür sinkt die Abhängigkeit des Westens von dieser Krisenregion - auch vom terrorgefährdeten Saudi-Arabien.

Noch wichtiger aber ist es, dass die riesigen industriellen Schwellenländer wie China und Indien nicht unsere Fehler wiederholen und sich durch falsche Wirtschaftsstrukturen vom Öl abhängig machen. Die Entscheidung zwischen Bahnlinien und Autobahnen fallen in China heute; ein hoher Ölpreis könnte dazu beitragen, dass das Horrorszenario von einer Milliarde benzinfressender Privatautos auf Chinas Straßen nicht Wirklichkeit wird.

All das macht deutlich: Der Ölpreis ist immer noch nicht hoch genug. Selbst an ein 100-Dollar-Öl würde sich die Welt gewöhnen. Das Problem aber ist der Weg dorthin, der volkswirtschaftlich äußerst schmerzhaft wäre. Eine effektive Regulierung des Weltölmarktes ist unmöglich, genauso wie eine Preisstabilisierung auf hohem Niveau. Die Sprunghaftigkeit der Ölmärkte bleibt daher die Achillesferse der Weltwirtschaft - der Preis für unsere Ölsucht.

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