"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Bruder Tier, Schwester Mensch" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 20.05.2004

Wien (OTS) - Lange hat es gedauert, bis sich die vier Parlamentsparteien über ein neues Tierschutzgesetz geeinigt haben. Jetzt ist es soweit, und bald werden Legebatterien für Hühner verboten sein; Rindern werden von Gesetzes wegen mindestens 90 Tage Auslauf im Freien pro Jahr zustehen, und der Kettenhund wird von seinen Fesseln befreit werden müssen.
So gut, so erfreulich. Wie sieht es aber im Umgang mit unseren eigenen Artgenossen aus?
Wenn Hunde Gehsteige, Wiesen und die Sandkisten auf Spielplätzen mit ihrem Kot verunreinigen und die Tierhalter das ignorieren, hält sich der Protest meist in Grenzen. Würde ein kleines Kind dasselbe tun, wäre die Erregung groß. Ein weinendes Kind und ein jaulender Hund im selben Lokal - keine Frage, wem da die Sympathien der überwiegenden Zahl der Gäste gehören.
Wie gehen wir mit Behinderten um? Ein Blick auf die für sie reservierten Parkplätze spricht Bände: Selten, dass ihnen dort nicht kerngesunde, aber gehfaule Zeitgenossen den Platz verstellen. Uns was ist mit den Alten, die in Pflegeheimen leben und von ihren Anverwandten selten bis nie besucht, geschweige denn liebevoll betreut werden?
Wir sollten unsere Menschlichkeit nicht ausschließlich am Umgang mit Bruder Tier messen, sondern mehr denn je auch am Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen. Das neue Tierschutzgesetz wäre ein guter Anlass, darüber einmal nachzudenken.

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