DER STANDARD Kommentar: "Eine Frage des Zeitgewinns" von Helmut Spudich

Die Zulassung einer gentechnisch veränderten Maissorte ist noch kein Dammbruch

Wien (OTS) - Heute rückt die europäische Welt dem Abgrund angeblich wieder einen Schritt näher. Die EU-Kommission wird, wenn eintritt, was erwartet wird, für eine neue Sorte gentechnisch veränderten Mais die Bewilligung zur Einfuhr (nicht zum Anbau) erteilen. Damit gewährt sie zum ersten Mal nach sechs Jahren die Zulassung für eine gentechnisch veränderte Pflanze (es sind bisher 18). Und folgt man den Kritikern dieser Technologie, ist dies nichts weniger als "katastrophal" und ein "Dammbruch", an dessen Ende unausweichlich massiver und irreparabler Schaden steht.

Tatsächlich ist das Timing dieses Entschlusses fragwürdig. Die Kommission, deren Amtszeit mit dem Oktober endet, ist in Auflösung begriffen. Ohne sich noch einmal umzudrehen haben sich einige der Kommissare bereits in Richtung neuer Ämter verabschiedet. Mit am Tisch sitzen seit ein paar Tagen zehn Neue, die sich erst mit der EU und ihren Themen und Mechanismen vertraut machen müssen. All das hätte für eine Verschiebung der Entscheidung gesprochen.

Man kann aber auch ins Treffen führen, dass die Entscheidung fällt, nachdem eine Auszeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Pflanzen eingeführt worden ist. Vorausgesetzt, diese wird durchgeführt, gibt das Verbrauchern die Entscheidung darüber, solche Lebensmittel zu kaufen oder auch nicht. Und man sollte die Kirche im Dorf lassen: Es wird eine singuläre Entscheidung getroffen, jeder neue Antrag (es gibt über 30) muss erneut bewertet werden und kann ebenso gut wieder aufgeschoben oder abgelehnt werden.

Mit solchen Einzelentscheidungen gewinnt die EU, was sie in der Frage am meisten braucht: Zeit zur weiteren Bewertung der Gentechnik bei Pflanzen, die besser von Fall zu Fall als in Bausch und Bogen -Verbot oder alles erlauben - erfolgt. Zeitgleich hat übrigens die UN-Ernährungsorganisation eine interessante Bewertung des Potenzials der Gentechnik abgegeben: Kein Allheilmittel gegen Hunger auf der Welt, aber durchaus geeignet, Nutzen zu bringen, wie etwa insektenresistente Pflanzen, um den Einsatz von Pestiziden zu verringern.

Viel wahrscheinlicher als Ertragsverbesserungen (was in industrialisierten Staaten nicht nötig ist, sich aber Entwicklungsländer nur bedingt leisten können) ist ohnedies, dass Gentechnik zur "Anreicherung" mit Vitaminen und sonstigen Substanzen verwendet wird, die gesundheitsförderlich sein sollen. Gegen all dies kann man viele Vorbehalte ins Treffen führen, von gerechterer Verteilung des Wohlstands bis zur biologischen Landwirtschaft.

Aber die fundamentalistische Ablehnung der Gentechnik ist widersinnig: Landwirtschaft ist seit Jahrhunderten, sogar Jahrtausenden, die Manipulation unserer Umwelt zugunsten höherer und wohlschmeckenderer Erträge, neuerdings auch gesünderer Nahrungsmittel. Künstliche Bewässerung ist ebenso ein technisches Hilfsmittel wie natürliche und künstliche Düngung oder der Einsatz von Pestiziden. Daraus entsteht auch ein Kreislauf von Problemen und neuen Lösungen. Aber - es gilt heute fast als frivol, darauf noch hinzuweisen - in industrialisierten Ländern hat diese Entwicklung bessere Lebensbedingungen als in früheren Zeiten gebracht.

Warum das bei einer kontrollierten Entwicklung der Gentechnik anders sein soll, ist nicht einzusehen. Die Vorstellung, dass jeder Freisetzungsversuch und jede Zulassung irgendwann furchtbar enden könnte, gehört ins Kino, aber nicht in die reale Welt. Wichtig ist, die Rollenverteilungen zu sehen: Die hinter der Gentechnik stehende Industrie (von der wir hoffen, dass auch sie aus früheren Skandalen und Fehlern lernt) verfolgt kurzfristige Interessen, Regierungen unsere langfristigen Interessen. Also müssen sie auch bremsen, um Erfahrungen zu gewinnen, was die EU bisher getan hat.

Aber sie sind nicht dazu da, zu dekretieren, dass die Entwicklung menschlicher Kulturtechniken ihr Ende erreicht hat. Das ist die Domäne von Sekten, nicht von Staaten.

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