"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Sharons Saat" (Von Floo Weißmann)

Ausgabe vom 19. Mai 2004

Innsbruck (OTS) - Die Zerstörungsorgie der israelischen Armee dürfte - nach allen Informationen - ein Kriegsverbrechen sein. In einem Wohngebiet fallen Bomben, werden massenweise Privathäuser geschleift und Helfer ausgesperrt. Tausende Zivilisten, für deren Sicherheit und Versorgung die Besatzungsmacht verantwortlich wäre, bleiben als traumatisierte Opfer zurück.
Der Wahnsinn hat Methode. Israels Premier Sharon will vor dem Abzug aus dem Gazastreifen möglichst viele militante Palästinenser töten oder festnehmen, deren Nachschubwege abschneiden und die Kontrolle über die Grenze zu Ägypten sichern. Dazu kommen Rache und Kollektivstrafe für einen Angriff auf die Armee.
Natürlich hat die israelische Regierung die Pflicht, Land und Bürger zu schützen. Doch ihre Skrupellosigkeit belegt, wie sehr die Besatzung und die militärische Macht die einzige Demokratie des Nahen Ostens korrumpiert haben. Der Aufschrei, der durchs Land eilen müsste, blieb bescheiden. Terrorangst frisst sich durch das Empfinden für Recht, Moral und Menschlichkeit.
Es ist ein schmutziger Krieg um Land, in dem das Leben eines Palästinensers und seine Grundbedürfnisse keine Rolle spielen. Sharon bildet den Prototyp dieses Kriegers: Sein Konzept für den Nahen Osten war stets, dass die Palästinenser mit harter Hand gebrochen werden müssen, bis sie nicht mehr aufzumucken wagen.
Derselbe blinde Hass regiert umgekehrt: Ein palästinensischer Selbstmordattentäter unterscheidet nicht zwischen einem Soldaten in den besetzten Gebieten und einem Schulmädchen in einem Straßencafé von Jerusalem. Allerdings kämpft er auch nicht in den regulären Streitkräften einer pro-westlichen Demokratie.
Die einzige Macht, die den Wahnsinn stoppen könnte, bleibt in Deckung. US-Präsident Bush konzentriert sich auf seine Wiederwahl. In den Palästinensergebieten wächst indessen Sharons Saat heran: Eine neue Generation von Palästinensern, die allen Juden den Tod wünscht -und nichts zu verlieren hat.

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