"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Bonus-Malus bei Krediten" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 14.05.2004

Wien (OTS) - Bei der Kfz-Versicherung haben wir uns an das Bonus-Malus-System längst gewöhnt. "Basel II" ist nichts anderes im Bereich der Finanzierungen. Für die mittelständische Wirtschaft und vor allem für die Touristikbranche ist der Begriff ein Reizwort. Er steht für die neuen Eigenkapitalregeln der Kreditwirtschaft, die diese Woche beschlossen wurden und Ende 2006 in Kraft treten werden. Bis dahin wird noch einiges Wasser durch den Bodensee fließen, aber eines steht heute schon fest: Die Banken werden Basel II zum Anlass nehmen, die Kreditkosten vor allem für Kunden mit schlechter Bonität zu erhöhen. Dafür könnten gute Schuldner künftig etwas billiger abschneiden.
Der Jubel, den Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl per Presseaussendung verbreiten ließ, ist also nicht ganz verständlich:
Dass sich die neuen Regeln "prinzipiell positiv auf kleine und mittlere Unternehmen auswirken werden", ist allenfalls Wunschdenken im Vorfeld der 2005 stattfindenden Kammerwahlen.
Die Realität sieht anders aus: Die Eigenkapitalausstattung (und damit auch die Bonität) österreichischer Betriebe ist im europäischen Vergleich sehr niedrig, und entsprechend hoch ist die Verschuldung. Schuld daran ist nicht zuletzt der Fiskus: Fremdfinanzierung ist in Österreich durch die Absetzbarkeit der Zinsen bisher einfach billiger gewesen als das Einbringen von Eigenmitteln. Wenn dann noch so mancher Kredit mit den inzwischen abgeschafften anonymen Sparbüchern besichert werden konnte, dann waren alle glücklich.
Jetzt sieht die Finanzwelt anders aus. Jeder Unternehmer muss den Mittelweg zwischen steuerlichen Überlegungen und Optimierung der Kreditkosten suchen. Das beginnt bei der Finanzplanung und setzt sich bei der Abschreibungspolitik fort: Wer Investitionen möglichst schnell abschreibt, spart Steuern, hat aber weniger Eigenkapital und kommt daher möglicherweise in den Finanzierungs-Malus.
Wer "Basel II" als Denkanstoß sieht, die Rentabilität neuer Projekte kritisch zu durchleuchten und die eigene Kostenrechnung zu verbessern, wird von den neuen Regeln profitieren. Immerhin sind 40 Prozent der Konkurse im Tourismus "hausgemacht", und das wäre bei sorgfältiger Kalkulation nicht notwendig.
Den Banken wird man trotzdem auf die Finger schauen und sie daran hindern müssen, sich unter Hinweis auf "Basel II" aus ihrer Verantwortung zu stehlen. "Wenn die Konjunktur in Schwung kommt, müssen die Banken mithalten, sonst werden sie zum Bremsklotz für die Wirtschaft", hat Ludwig Scharinger, Chef der Raiffeisen-Landesbank Oberösterreich, kürzlich vor Wirtschaftsjournalisten gesagt. Man sollte ihn nicht nur persönlich beim Wort nehmen, sondern den Satz auch seinen Mitbewerbern unter die Nase halten - und notfalls die Bank wechseln, wenn die eigene sich taub stellt.

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