"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Krieg der Gräuelbilder soll uns nicht blind machen" (Von Günter Lehofer)

Ausgabe vom 13.5.2004

Graz (OTS) - Ein archaischer Mord als Videoclip und
Propagandawaffe im Internet.

Entsetzen soll uns überfluten. Es überflutet. Die Wut soll uns packen. Die Wut packt uns. Wir sollen nicht mehr dazu kommen, im ständigen Aufruhr der Emotionen klar zu sehen. Wir sollten angesichts der täglichen Bilder des Grauens aus dem Irak sachlich und moralisch erblinden.Das hilft den Opfern nicht mehr, weder den misshandelten Irakern, noch dem enthaupteten Amerikaner. Das wäre der endgültige Sieg der Täter.

Folter und Mord gehören zu den Mittel der Machtpolitik, seit diese überliefert ist. Die französischen Revolutionäre köpften den König spektakulär mit der Guillotine. Die Köpfe der Enthaupteten auf Pfähle zu stecken, war in der guten, alten Zeit ein häufiges Mittel der Propaganda. Der Marktplatz, die Hauptbrücke, die Hauptstraße, die Mauer einer Stadt waren die Öffentlichkeit vor den Erfindung von Fernsehen, Internet und Zeitungen. Der elektronische Marktplatz der Moderne ist natürlich ein viel wirksamerer als der alte. Daher wird er so gerne benutzt, wie der Anschlag auf das World Trade Center exemplarisch bewiesen hat.

Es muss klar werden, dass hinter der Präsentation der Gräuel politische Absicht steckt. Der Gegner soll geschwächt, moralisch vernichtet werden. Die Opfer sind in diesem Gezerre nur ein Mittel zum Zweck.

Die Wahrheit müsse den Menschen zumutbar sein, forderte einst Ingeborg Bachmann. Nicht erst seit Siegmund Freud ist bekannt, dass dieser Satz ein Wunsch ist, eine Forderung von Kantschem Ausmaß und keine Wirklichkeit beschreibt. Im Satz von Bachmann steckt ein Kern der Aufklärung. Wer ihn ablehnt, wird nie hoffen dürfen, dass weniger Köpfe auf Pfähle gesteckt werden.

Seit den Arbeiten von Konrad Lorenz und der Verhaltensforschung wissen wir viel präziser Bescheid über unsere Möglichkeiten und Grenzen, gut und böse zu sein. Wir wissen: beides ist oft denselben Menschen unter bestimmten Bedingungen möglich.

Das blutige Ringen um die Herrschaft in Europa, die Mörderei der totalitären Bewegungen von Faschismus und Kommunismus sind Großgräuel der Geschichte. Aber auch die europäische Einigung ist möglich, der holprige Friedensprozess in Nordirland ist möglich, die Überwindung von Totalitarismus ist passiert.

Was bleibt ist, den Opfern zu helfen, wenn es möglich ist, die Täter so intensiv zu verfolgen wie es möglich ist. Und sich Verstand und Gemüt auch im heftigsten Krieg der Gräuelbilder nicht verwirren zu lassen. ****

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