"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Schandbilder und das demolierte Befreiungsmotiv" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 8.5.2004

Graz (OTS) - Ein leiser Befürworter des Irak-Kriegs überprüft seine Argumente.

Vor einem Jahr hat sich der Autor dieser Zeilen etwas weit aus dem Meinungsfenster gelehnt. Als zehntausende gegen den Irak-Krieg auf die Straße gingen und "Stoppt den Krieg!" skandierten, skandierte er "Stoppt die Pazifisten" und brachte eine ketzerische Frage gegen die Gefühlswoge in Stellung: Wenn kein Krieg gewesen wäre, herrschte dann Friede im Irak?

Krieg ist keine Lösung, mahnte damals Europa, ohne auf der Handlungsebene nur im Ansatz darzulegen, wie, außer mit militärischen Mitteln, man dem barbarischen Regime hätte Einhalt gebieten können.

Wie flink und frei von Zweifel das Urteil über diesen Waffengang gesprochen wurde, das war es, das den Autor zum Widerspruch reizte. Natürlich gab es achtbare Gründe, gegen den Krieg zu sein: dass die Rechtfertigung der Kriegführenden auf einer Lüge - dem Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen - basierte; oder: die widerwärtige religiöse Aufladung des Krieges als Feldzug des "Guten" gegen das "Böse".

All das war schlimm. Und dennoch erschienen diese Einwände dem Autor schwächer als das stärkste Argument, das für den Krieg sprach und spricht: die Beseitigung einer Blutherrschaft, die Jahr für Jahr zehntausende Opfer forderte.

Der Waffengang als Befreiungskrieg: Als solcher wäre er von Beginn an zu kommunizieren gewesen. Ein Verweis auf die jüngere Geschichte hätte genügt, um die apodiktische Formel "Krieg ist keine Lösung" behutsam zu falsifizieren: Es gibt eben Beispiele - das gewaltsam erzwungene Ende der NS-Diktatur, der Luftangriff auf Serbien - für die sich die Anwendung der Gewalt retrospektiv als gerechtfertigt erwies, weil das Leid, das durch den Gewalteinsatz zugefügt wurde, in Summe weniger monströs war als das Leid, das durch den Gewaltverzicht verlängert worden wäre.

Doch die Schandbilder von den Misshandlungen irakischer Häftlinge haben dieser Argumentation jetzt den Boden entzogen. Die Symbol- und Wirkungskraft der Fotos ist so groß, dass das Befreiungsmotiv restlos diskreditiert und demoliert ist - und mit ihm die Position derer, die den Krieg vorsichtig aus erwähnten Gründen bejahten.

Der Autor hat auch kurz überlegt, einen reuigen Asylantrag im gegnerischen Lager zu stellen, doch er insistiert: Solange trotz des Versagens Hoffnung besteht, das Land doch noch zu stabilisieren und halbwegs zu demokratisieren, solange lässt sich kein gültiges Urteil darüber fällen, ob dieser Krieg nun gerechtfertigt war, eine späte Billigung durch die Geschichte erfährt, oder nicht. ****

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