"Presse"-Kommentar: Die Macht der Bilder: Warum Rumsfeld gehen sollte (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 8. Mai 2004

Wien (OTS) - Donald Rumsfeld ist nicht erst mit dem Skandal um die Ekel erregenden Folterbilder aus dem Abu Ghraib-Gefängnis bei Bagdad zum Feindbild geworden. Mit der Berufung des Hardliners ins Amt des Verteidigungsministers und mit der Ernennung von Paul Wolfowitz, einem der intellektuellen Wortführer der amerikanischen Neokonservativen, zu seinem Stellvertreter war klar, in welche Richtung die Außenpolitik dieser Administration gehen würde. Rumsfeld und Wolfowitz mussten ja nichts mehr erfinden: Die Konzepte für die von ihnen verfolgte Präventivkriegsstrategie waren schon im Gefolge des ersten Irak-Krieges erstellt worden und hatten die Clinton-Jahre in den Schubladen überdauert.
Dass man nach einem Jahrzehnt relativ nahtlos an die alten Überlegungen anschließen konnte, hat auch damit zu tun, dass in der Zwischenzeit Samuel P. Huntingtons Studie "The Clash of Civilizations" große Verbreitung fand. Huntington vertritt die These, dass das Bedrohungsszenario, dem sich die US-Streitkräfte zu stellen hätten, nach der großen ideologischen Frontstellung der Nachkriegsjahrzehnte in religiös-kulturell motivierten Auseinandersetzungen vor allem mit und in den islamischen Gesellschaften bestehe. Es gibt für diese These gute Belege, es gibt aber auch ernsthafte Einwände. Übersetzt, das heißt verkürzt man sie jedoch in die von Gut-Böse-Mustern dominierte Sprache der "Neocons," erhält man die Formel, nach der die Bush-Administration agiert: Der Westen muss seine liberal-demokratischen Werte gegen den fanatischen Islam und seine terroristischen Vorkämpfer verteidigen.
Donald Rumsfeld stand und steht für diese Strategie und das ihr zu Grunde liegende Weltbild, und er ist damit im Laufe der schärfer werdenden Auseinandersetzungen zu einer Art Ikone geworden: Für alle, die das amerikanische Präventivkriegskonzept ablehnen, weil sie es ausschließlich für ein Mittel zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen halten, symbolisiert er eine zeitgenössische Form des Kolonialismus. Für jene, die in diesem Konzept die einzige Chance sehen, die westlichen Demokratien mittelfristig vor dem Zugriff des islamischen Terrors zu schützen und die unheilige Allianz zwischen Religion und Politik in den islamischen Gesellschaften notfalls auch gewaltsam aufzubrechen, symbolisiert er die kompromisslose Bereitschaft, die so genannten "westlichen Werte" zu verteidigen. Seit einer Woche gibt es nun aber Bilder, die das genaue Gegenteil dieser Werte symbolisieren, die Bilder aus dem Abu Ghraib-Gefängnis. Vor allem das Foto, das einen verkabelten irakischen Gefangenen so zeigt, als würde er im nächsten Moment durch einen Stromstoß getötet, droht nach Ansicht des britischen Magazins The Economist zu einer Ikone des Werteverrats zu werden. Wie jenes Foto, das die kleine Kim Phuc 1972 nach dem Napalm-Angriff der Amerikaner bei Trang Bang zeigt und zum Sinnbild der Pervertierung des amerikanischen Kampfes gegen die kommunistische Bedrohung in Südostasien wurde.
Eine Möglichkeit, die Wirkung der Abu-Ghraib-Ikone zu neutralisieren, schreibt der Economist, bestünde darin, erneut ein wirkmächtiges Gegenbild zu schaffen: Jenes vom Abgang jenes Mannes, vom Abhängen jener Ikone, die für den eklatanten Werteverrat der US-Streitkräfte im Irak steht.
Angesichts der zentralen Rolle, die das Zeigen und das Verbergen von Bildern in diesem Krieg von Beginn an gespielt hat, liegt es nahe, auch die Diskussion um das Schicksal des Pentagon-Chefs anhand von Bildern zu führen. Man könnte aber auch einfach sagen, es gehöre zu den wesentlichen Merkmalen der westlichen Demokratie, dass Führungskräfte die Verantwortung für das übernehmen, was in ihrem Zuständigkeitsbereich passiert.
Ob Donald Rumsfeld zurücktritt, ist eine Frage des politischen Kalküls, die Präsident Bush beantworten muss.
Richtig wäre es in jedem Fall.

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