"Die Presse"-Kommentar: Wenn Besatzer zu Barbaren werden (VON BURKHARD BISCHOF)

Ausgabe vom 3.5.2004

Wien (OTS) - Die Art und Weise, wie die irakischen Gefangenen behandelt wurden, "entspricht nicht der Natur der Amerikaner". Also sprach George W. Bush und seine Reaktion war so typisch für sein Denken, dass Amerika und die Amerikaner einfach etwas Einzigartiges auf Gottes Erdboden darstellen. Sie sind nichts Einzigartiges.
Auch unter den Amerikanern gibt es Anständige und Unanständige. Und was da aus dem Irak bekannt geworden ist, zeigt nur, dass es auch in den US-Streitkräften genügend Unanständige gibt, die auf der Würde wehrloser Menschen brutal herumtrampeln und die religiösen Gefühle der Gemeinschaft ihrer Opfer rücksichtslos verletzen. Verstört nimmt man zudem zur Kenntnis, dass es offenbar auch in der britischen Armee Barbaren gibt. Bisher hatte es immer geheißen, dass die britischen Soldaten aufgrund ihrer einzigartigen Erfahrung bei solchen Einsätzen ganz anders mit den Irakern umgingen als die GIs. Beim amerikanischen Verhalten zeigt sich erneut der Grundfehler dieses ganzen Feldzugs: Die politische und militärische Führung in Washington hat zwar den Blitzkrieg sorgfältig geplant, aber offenbar nie intensiver über die Gestaltung des Nachkriegs-Irak nachgedacht. Also hat man die eigenen Soldaten auch nie psychologisch darauf vorbereitet, was für ein Land sie erobern, mit was für einer Religion und Kultur sie es da zu tun bekommen.
Als aber die Freude der irakischen Bevölkerung über die Befreiung von einem grausamen Diktator angesichts von Anarchie und Chaos in Hass auf die Besatzer umschlug, reagierten die Amerikaner mit Trotz, Arroganz und Härte. So viele Fehler sind ihnen im Irak bereits unterlaufen. Es werden noch mehr werden.

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