Neues Volksblatt" Kommentar: "Frieden als Realität" (Von Franz Rohrhofer)

Ausgabe vom 30. April 2004

Linz (OTS) - Lange hat sich das Ereignis der europäischen Einigung angekündigt, nun stehen wir an der Schwelle des größeren Europa. Viele Schlagworte werden dieses historische Wochenende begleiten: Der kalte Krieg, der Europa einst spaltete, ist endgültig überwunden. Die Grenzbalken zu unseren Nachbarn werden bald Vergangenheit sein. Die europäische Familie rückt enger zusammen. Österreich liegt jetzt in der Mitte des Kontinents, dort wo es nach unserer Bundeshymne auch hingehört. So oder ähnlich wird es uns in den nächsten Tagen in den Ohren klingen und manch einer mag solcher Phrasen schon überdrüssig sein. Denn viel näher als schöne Worte sind uns die Ängste, die uns angesichts der durchlässigeren Grenzen beschleichen. Kriminalität, Überfremdung, Transitlawine, Abwanderung von Arbeitsplätzen, weniger EU-Gelder - alles Elemente eines Horrorszenariums, das uns den Blick auf das historische Ereignis trübt. Das ist nur zu verständlich, weil es tägliche Realität ist und die EU bisher nicht bewiesen hat, dass sie mit dieser Realität fertig wird. Trotzdem haben all die Schlagworte, die uns in diesen Tagen als schöne Phrasen vorgesetzt werden, ihre Berechtigung. Wir werden uns in den kommenden Monaten und Jahren noch viel mit Fragen der Sicherheit, der Wirtschaft, der Sozialstandards oder des Machtgefüges in der Gemeinschaft herumschlagen. Das ist die tägliche Herausforderung, das bekannte Bohren von harten Brettern. Am Tag der Erweiterung ist der Blick auf das Ziel dieses Prozesses wichtiger. Ein Kontinent, der wie kein anderer durch Jahrhunderte zerstritten und in Kleinstaaten aufgesplittert war, der die schrecklichsten Weltkriege vom Zaun gebrochen und unmenschliche Verbrechen gesehen hat, besinnt sich auf ein Friedensprojekt. Das klingt wieder nach Phrase, doch ist es die Realität, um die es geht. Übermorgen können wir wieder jammern, heute besteht Grund zum Feiern.

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