"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Verpasste Chance?" (Von Monika Dajc)

Ausgabe vom 28. April 2004

Innsbruck (OTS) - Die Wogen gehen hoch und die Debatte wird so schnell kein Ende nehmen: War die indirekte FPÖ-Wahlempfehlung entscheidend? Oder haben wenig emsige ÖVP-Landesorganisationen Ferrero-Waldner um den Sieg gebracht? Zwischendurch richtet sich der kritische Blick auch auf "die Frauen" oder "linke Emanzen", wie es die Außenministerin zuletzt ganz ohne diplomatische Contenance formulierte.
Bleiben wir bei "den Frauen". Von der ÖVP bekamen sie im Wunsch, nach Höherem zu streben, in alle den Jahrzehnten nicht wirklich tatkräftige Ermutigung. Die Nominierung Ferrero-Waldners im zweiten Ermittlungsverfahren nach dem Verzicht des mächtigen Landesfürsten Pröll wurde dann damit begründet, dass die Zeit reif sei für eine Frau im höchsten Staatsamt. Warum diese Einsicht 2004 und nicht schon vor sechs oder zwölf Jahren dämmerte, blieb unbegründet. Klar ausgesprochen wurde aber die Aufforderung an die Frauen, diese Chance zu nützen.
Bedingt durch die historische Entwicklung ist die Welt der Frauen in Lebensentwürfen und Lebenszielen eine weit vielfältigere als jene der Männer. Die Parteien haben bisher mehr oder weniger dazu beigetragen, durch echte Gleichberechtigung den mitunter sehr gegensätzlichen Positionen die Spitze zu nehmen. Ein Modell gewissermaßen auf Knopfdruck als überzeugend zu propagieren, geht daher an der Realität vorbei. Und die dezente Aufforderung, doch eine einmalige Chance zu nützen, widersprach der Kernfrage, die da lautete, wer besser für eben dieses höchste Amt geeignet sei.
Im Präsidentschaftswahlkampf bekam das Frauenthema die seit langem deutlichsten Konturen. Nach gemachten Erfahrungen aber ohne konkrete Folgen. Es wird der Prozentsatz jener konstant bleiben, der den Frauen das Beste wünscht, einer von ihnen aber doch nie zutraut, die dünne Luft irgendwo ganz oben auszuhalten.

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