"Presse"-Kommentar Gefallen im Freundesland (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 28. April 2004

Wien (OTS) - Die niederösterreichische Volkspartei ist seit langem dafür bekannt, dass sie außerordentliche Begabungen auf dem Feld des Subtilen hervorbringt. Es sind Monumente des Feinsinns, die der fruchtbare Boden einer Jahrtausende alten Kulturlandschaft hervorgebracht hat, ihre Namen sind uns wohlvertraut: Von Robert Lichal über Josef Höchtl bis herauf zu Klaus Schneeberger reicht die Ehrfurcht gebietende Liste. Letzterer amtiert derzeit als Klubobmann der Volkspartei im St. Pöltner Landhaus, und er hat auf die Frage, wem die Schuld an der Niederlage von Benita Ferrero-Waldner anzulasten sei, mit einer Formvollendung beantwortet, die Respekt verdient: "Die Hauptverantwortung", gefiel es Herrn Schneeberger zu sprechen, "liegt bei jenem, der der Bundespartei vorsitzt."

Mmmmh. Freilich, wo viel Licht ist, da lässt sich der Schatten nicht

gänzlich vermeiden. Landesgeschäftsführer Gerhard Karner hält die von FPÖ-Obmann Herbert Haupt geäußerte Kritik an der niederösterreichischen ÖVP für "letzte politische Zuckungen eines abgehalfterten Vizekanzlers und abgehenden Ministers". Ein Anfall von Uneleganz, der umso mehr verwundern muss, als Kollege Karner jahrelang Gelegenheit hatte, seine feine Klinge an der Seite von Innenminister Strasser zu schärfen.
Schwer zu sagen, ob der Außenministerin in der Umarmung des Kärntner Landeshauptmannes die Luft ausgegangen ist, oder ob sie ihre Niederlage doch eher dem Übermaß an nobler Zurückhaltung verdankt, das die ÖVP-Sympathisanten in den schwarzen Kernländern an den Tag gelegt haben.
Sicher ist nur - und das dürfte auch dem Kanzler zu denken geben -, was auf der Ehrentafel der Kandidatin steht: Gefallen im Freundesland.

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