"Kleine Zeitung" Kommentar: "Bis zum Zielsprint lag immer der Läufer im roten Leiberl voran" (Von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 24.04.2004

Graz (OTS) - In der letzten Runde formierten sich wieder die politischen Lager.

Ein Fußballstadion habe ihm zum Schluss gefehlt, haderte der vormalige Bundeskanzler Alfons Gorbach mit dem Schicksal, als er in der Bundespräsidentenwahl 1965 dem damaligen Wiener Bürgermeister Franz Jonas um 80.000 Stimmen unterlag.

Auch morgen wird es knapp werden. Jedes Duell bringt eine Zuspitzung. Die letzte Zweierpaarung gab es vor drei Jahrzehnten:
1974 siegte Rudolf Kirchschläger mit knapp 52 Prozent über Alois Lugger.

Ob es wirklich ein Kopf-an-Kopf-Rennen gab, wie uns in den letzten Tagen eingeredet wurde, wird sich zeigen. Die Parteien, die es besser wissen, hatten nichts dagegen, dass dieser Eindruck vermittelt wurde. Der Führende kann sich darauf verlassen, dass ihn seine Anhänger auch noch beim Endspurt anfeuern. Und der Verfolger darf darauf bauen, dass seine Hilfstruppen nicht vorzeitig den Kampf verloren geben.

Wenn man beim Bild des Kopf-an-Kopf-Rennens bleibt, dann darf man nicht vergessen, dass bis in die letzte Runde immer der Läufer im roten Leiberl in Führung lag. Alle Meinungsforschungsinstitute hatten Heinz Fischer vorne. Der Vorsprung, der anfangs unaufholbar schien, hat sich zwar deutlich verringert, doch wäre es eine Überraschung, wenn Benita Ferrero-Wallner den Zieleinlauf gewinnen könnte.

Der Rennverlauf entsprach dem Rollenbild. Fischer, schon ewig im Geschäft, verfügte über einen gewaltigen Startvorteil. Er ist Generationen von Wählern als ruhiger, abwägender, sach- und rechtskundiger Politiker vertraut, der durch sein Naturell - sei es Vorsicht oder Feigheit - dem Harmoniebedürfnis der Österreicher entgegen kommt. Gleichsam der geborene Präsident, der nur das Etikett "Nationalrat" durch "Bundes" ersetzen braucht.

Ferrero-Wallner entpuppte sich als fulminante Fighterin, die über mehr verfügt als bloß ihr entwaffnendes Kampflächeln. Seit dem TV-Duell, in dem die Außenseiterin dem Routinier Paroli bot, ging ein Ruck durch das so genannte bürgerliche Lager. Plötzlich wimmelte es von Benita-Fans.

Ob die Wahlempfehlungen überhaupt Eindruck auf die unentschlossenen oder schlicht gelangweilten Wähler machten, sei dahin gestellt. Faktum ist, dass sich im Finale wieder die Lager formierten: Ferrero-Waldner wurde die Kandidaten der schwarz-blauen Koalition, Fischer der Kandidat der rot-grünen Opposition. Dieses Match läuft beim Kampf um die Hofburg mit. Man wird das Ergebnis drehen und wenden, doch wird der Schlusspfiff erst bei den nächsten Nationalratswahlen erfolgen.

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