Ansprache von Bundespräsident Klestil anläßlich des Empfanges für die Theodor Körner-Förderungspreisträger

Wien (OTS) - Herr Präsident,
meine Damen und Herren!

Von den unzähligen Veranstaltungen, die in den letzten zwölf Jahren in meinen Amtsräumen stattfanden, habe ich mich über den Besuch so vieler junger Österreicher Jahr für Jahr ganz besonders gefreut: Denn der Empfang der Körner-Fonds-Preisträger war und ist für mich der Beweis für die Vitalität unseres wissenschaftlichen und künstlerischen Nachwuchses.

So möchte ich Sie alle auch heute herzlich willkommen heißen und Ihnen gratulieren - zugleich aber ein Bekenntnis zur Förderung von Wissenschaft und Kunst durch Staat und Gesellschaft ablegen. Und so richtet sich mein Dank an all jene, die den Körner-Fonds in den über 50 Jahren seiner Existenz finanziell gespeist - sowie das vorhandene Fonds-Kapital verantwortungsbewusst verwaltet haben.

Meine Damen und Herren!

Uns allen ist bewusst, dass die Scientific-Community im 21. Jahrhundert immer wichtiger werden wird. Und es ist mittlerweile unbestritten, dass Aufwendungen zugunsten innovativer Projekte -aber auch zwecks Strukturverbesserungen für Bildungseinrichtungen -zu den lohnendsten Investitionen einer modernen Volkswirtschaft gehören.

Dennoch können wir nicht allein den "Mehrwert" von Wissenschaft und Forschung im Visier haben. Erst recht ist die Frage unzulässig, was "Kunst" einbringt oder welchen ökonomischen Nutzen kulturelle Schöpfungen haben: Schließlich geht es dabei um eine Bereicherung unserer zivilisatorischen Wirklichkeit.

Unsere Bildungsanstalten dürfen daher auch keine Ausbildungsfabriken sein - in denen folgsame Experten und Auftragsforscher am Fließband produziert werden. Und selbst wenn dies altbacken klingt - wir brauchen Bildungsstätten, die einem humanen Menschenbild verpflichtet sind und deren Absolventen einen Beitrag zu einer freien, gerechten und lebenswürdigen Gesellschaft leisten können.

Wissenschaft, Forschung und Kunst haben natürlich auch mit Verantwortung zu tun. Wer etwa durch und dank öffentlicher Leistungen die Möglichkeit zum Lernen erhält, ist in doppeltem Ausmaß verpflichtet, der Gemeinschaft auch etwas zurückzugeben. Ich meine das ganz konkret: Wir müssen zum Beispiel alles tun, damit Studenten nicht jahrelang in Österreich hoch subventionierte Universitäts-Einrichtungen nützen - dann aber mit dem notwendigen Know-How die Heimat auf dem schnellsten Wege verlassen.

Nun wissen wir alle um die Probleme und Sorgen, denen heute Studenten - aber auch Absolventen unserer akademischen Bildungsstätten -ausgesetzt sind. Der Anfang des traditionellen Studentenliedes "Gaudeamus igitur" klingt heute nicht mehr so, wie das vielleicht einmal der Fall gewesen sein mag - das Studium ist keineswegs ein "gaudium". Ich denke nur an den Wettkampf um Seminar- und Laborplätze, an die Notwendigkeit von Ferialarbeit, an Werkstudententum und an die Nöte am akademischen Arbeitsmarkt.

Wer sich aber - wie Sie - durchgekämpft hat und Leistungen erbringt, die über das normale Studium hinausgehen - der verdient Beachtung und Dank. Umso mehr bedaure ich es, dass wissenschaftliche und künstlerische Arbeit viel zu wenig von der so genannten Medien-Öffentlichkeit gewürdigt wird. Was am Jahrmarkt der Sensationen wahrgenommen wird, sind leider nicht primär die Leistungen im Dienst der Gemeinschaft - es sind die Storys über das Abstruse, Schockierende, Abartige in unserer Welt. Ist es nicht so, dass Science Fiction wichtiger ist als Science, Trivialität interessanter als Normalität, Infantilität verkäuflicher als Seriosität? Oder dass musikalische Beliebigkeit die Musikkultur verdrängt - wie auch der plumpe Gag den subtilen Humor…

Es liegt mir allerdings fern, Ihnen heute mit Kulturkritik zu kommen. Dennoch meine ich, dass sich jeder von uns - aus intellektueller Redlichkeit heraus -fragen sollte, wohin die Reise geht. Und notfalls seine Stimme erhebt: Offen und ehrlich, unmissverständlich und direkt.

Nun ist heute jemand unter uns, der sein akademisches wie öffentliches Credo danach ausgerichtet hat. Es freut mich aufrichtig, dass der Theodor-Körner-Fonds zum ersten Mal einen Ehrenpreis für ein Lebenswerk vergibt - an Frau Professor Erika Weinzierl. So möchte ich Sie - verehrte Frau Professor - zum einen sehr herzlich hier bei mir begrüßen; und ihnen zum anderen den Dank der Republik zum Ausdruck bringen:

Denn Sie haben sich stets zur Wahrheit in Wissenschaft und Gesellschaft bekannt und den Mut zum offenen Wort gefunden. Sie haben viele Mühen als "Grenzgängerin" zwischen Ideologien, Konfessionen und Parteien auf sich genommen; und Sie haben einen wichtigen Beitrag zur Bewusstseins-Schärfung - vor allem der jungen Generation - geleistet:

  • Da war Ihr kämpferisches Eintreten für die Österreichische Nation";
  • Ihre Aufklärungsarbeit über die Leistungen des österreichischen

Judentums - und die Verstrickungen so vieler Österreicher in den Holocaust;

• da war Ihr Einsatz für mehr Transparenz in der Kirche - und Ihr Kampf für die Menschenrechte.

So bitte ich Sie, meine Damen und Herren Preisträger, sich Frau Professor Weinzierl zum Vorbild zu nehmen und von ihr zu lernen:
Nichts ist so wichtig wie der Kampf um Redlichkeit - und nichts so wichtig wie Zivilcourage. Beides ist für das Zusammenleben in einer freien, gerechten und demokratischen Gemeinschaft unverzichtbar.

In diesem Geiste, der auch Bundespräsident Theodor Körner seinerzeit inspirierte, wünsche ich dem Fonds für die Zukunft viel Erfolg. Ich danke dem Kuratorium - an der Spitze Präsident Herbert Tumpel -sowie dem Beirat; und gratuliere nochmals Ihnen - den Preisträgerinnen und Preisträgern. Mögen Sie alle auf Ihrem Lebensweg viel Erfolg haben!

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